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The Seasoning House

Bedrückend-brutaler Rape-and-Revenge-Film

 England 2012   

 Regie: Paul Hyett                       

 Laufzeit: 89 Minuten

 

Handlung: 1996 – zwischen Bosnien- und Kosovokrieg: Ein taubstummes Mädchen muss miterleben, wie Soldaten ihre Mutter töten. Sie selbst wird in ein Bordell verschleppt. Der Zuhälter Viktor gibt ihr den Namen "Angel" und beauftragt sie damit, sich um die anderen Mädchen zu kümmern. Dieses Kümmern besteht vor allem darin, den jungen Zwangsprostituierten Heroin zu spritzen, sie zu waschen und mit Lebensmitteln zu versorgen. Ab einem gewissen Punkt ist „Angel“ nicht mehr bereit, das Elend einfach hinzunehmen.

 

Besprechung: Wer beim Lesen der Inhaltsangabe denkt, dass das ein bedrückender Film ist, liegt völlig richtig. Tatsächlich ist auch die Zuordnung zum Horror-Genre passend, denn auch, wenn hier Thriller- und Drama-Elemente vorkommen – das Grauen ist zentral und die Struktur entspricht dem ungemütlichen Horror-Subgenre „Rape and Revenge“. Zum Glück hat der Film nichts insgeheim Geiles, es gibt keinen Glamour im Elend, sexy ist hier gar nichts. Gerade die erste Hälfte ist einfach nur brutal und niederschmetternd. In der zweiten Hälfte kommt dann Bewegung in die Situation und damit auch Spannung auf. Überdurchschnittlich brutal bleibt der Film auch dann, aber nun gibt es immerhin Gegenwehr und damit Hoffnung.

 

Der Film ist gut gemacht. Die Schauspieler*innen fand ich überzeugend, vor allem Rosie Day als „Angel“. Die Kameraarbeit und das Setting haben mir gut gefallen. Die praktischen Effekte wirken realistisch. Stark sind auch die wenigen zarten Momente in dieser Hölle. Nervig fand ich allerdings die wabernde, pathetische Musik, die mich an zweitklassige TV-Krimis hat denken lassen. Der Score hat den Film für mich wirklich schlechter gemacht. Auch weiß ich nicht, warum Angel taubstumm sein muss, und ob das den Film in einigen Szenen nicht unglaubwürdig werden lässt. Wie soll jemand, der nichts hören kann, mitbekommen, was Angel mitbekommt? Und welchen narrativen Sinn soll ihre Einschränkung haben? 

 

Ich habe mich beim Gucken gefragt, ob die miesen Gefühle, die der Film bereitet, einen Wert haben. Denke ich nun mehr über die Schrecken des Krieges nach, in denen Frauen und Kinder zu den Opfern jenseits der Front gehören? Sensibilisiert mich so ein Film für Zwangsprostitution und die Psychopathie von (bestimmten) Männern? Ich kann es nicht sagen und bin etwas ratlos. Ich vermute allerdings, dass gerade Menschen, die durch sexualisierte Gewalt traumatisiert wurden, sich genau überlegen müssen, ob sie sich "The Seasoning House" geben wollen. Manchmal wirkt es vielleicht befreiend, wenn ein Film abbildet, was es an Schrecken in der Welt gibt. Es lässt sich dann leichter darüber sprechen. 

 

Das ist ein kleiner, sehr unangenehmer Debütfilm, bei dem man sich vorher fragen muss, ob die Neugier größer ist als der Widerwille. Schlecht gemacht ist er aber auf jeden Fall nicht!  

 

Trivia: Nach seinem beklemmenden Debüt mit „The Seasoning House“ drehte Paul Hyett den deutlich leichtfüßigeren Werwolffilm „Howl“ (2015). Es folgte mit „Heretiks“ (2018) (auch herausgebracht als „The Convent“ 2019) ein historischer Horrorfilm, in dem auch wieder Rosie Day mitspielt.  

 

Auch wenn einen der Film recht glaubhaft nach Osteuropa entführt, wurde er komplett auf einem ungenutzten Luftwaffenstützpunkt in London gedreht.

 

Der Film erhielt gemischte Kritiken konnte aber auf Genre-Filmfestivals einige Preise abräumen. So erhielt Rosie Day sowohl beim Screamfest in Los Angeles als auch beim brasilianischen „Fantaspoa“ die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Beim Fantasporto in Portugal und beim Mile High Horror Festival in Denver wurde der Film mit dem „Critics Award“ ausgezeichnet. Preise für den „besten Film“, „beste Regie“ und „beste Hauptdarstellerin“ gab es beim Bragacine IFF in Portugal. 

 

 

IMDB: 6.1 von 10

Letterboxd-Rating: 3.1 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 3 von 5

 

 

 

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