· 

Tarantula

Die Mutter aller Riesenspinnenfilme

 USA 1955   

 Regie: Jack Arnold                       

 Laufzeit: 80 Minuten

 

Handlung: Mitten in der kalifornischen Wüste experimentiert ein Wissenschaftler auf eigene Faust mit Wachstumsbeschleunigern. Das bekommt werden seinen Versuchstieren noch seinem Kollegen. Schlimmer noch: Eine chemisch behandelte Tarantel kann bei einem Brand entkommen, hört nicht auf zu wachsen und wird zur Gefahr für die gesamte Umgebung.

 

Besprechung: Natürlich wirkt ein Film aus den 1950ern heute anders als in seiner Zeit. Was damals in Autokinos für begeistert schreiende Teenager gesorgt haben dürfte, ist 70 Jahre später ein gemütlicher Retrofilm fürs Nachmittagsprogramm. Allerdings ist „Tarantula“ besser gealtert als viele andere Riesenmonsterfilme aus vergangenen Zeiten, und das liegt vor allem an der stark in Szene gesetzten Spinne. Statt irgendein Monster aus Gummi oder einen Darsteller im haarigen Spinnenkostüm durchs Bild zu jagen, setzt „Tarantula“ auf eine echte Spinne. Die lief für die Aufnahmen entweder durch Miniaturlandschaften oder wurde später als traveling matte in die Realaufnahmen des Films hineinkopiert (Spezialeffekte von Clifford Stine). Und das sieht bis heute verdammt gut und auch meist überzeugend aus, auch wenn die Spinne in der Ferne oft größer ist, als in der Nähe und wir heute natürlich wissen und sehen, dass sie in die Aufnahmen reinkopiert worden ist. So oder so: Die Riesenspinne hat einige tolle Auftritte in dem Film. Meine liebsten sind ihr nächtlicher Besuch einer Pferdekoppel und der Angriff auf ein Haus, bei dem sie vorher durchs Fenster guckt.

 

Der Film hat aber noch mehr zu bieten als seinen titelgebenden Star. Das Wachstumsmittel wird nämlich nicht nur in fiesen Tierversuchen genutzt, sondern gerät sowohl zufällig als auch absichtlich in die menschliche Blutbahn. Die Folge ist eine andere als bei den Biestern, nämlich eine extrem schnell ausbrechende Akromegalie. Dabei handelt es sich um ein Krankheitsbild, bei dem durch einen Hypopyhsentumor ein Überschuss an Wachstumshormonen produziert wird, was bei Erwachsenen zu einer fortschreitenden Vergrößerung der Akren (Nase, Ohren, Finger, Zehen) führt. So kann der Film neben seiner Spinne noch ein paar andere „Monster“ auffahren und gerade am Anfang ein gewisses Mysterium aufbauen.

 

Nicht so spannend finde ich die Recherche-Sequenzen des Films. Wie in so vielen Horrorfilmen wissen wir als Publikum längst, was Sache ist, aber der Protagonist und sein Umfeld müssen es sich erst noch Stück für Stück entschließen und mit ernster Miene am üppig auf den Feldern vergossenen Spinnensekret schnuppern, oder in hölzernen Dialogen eins und eins zusammenzählen. Klar, dieses Big-Bug-B-Movie hatte nicht vorrangig Hochbegabte als Zielgruppe im Blick. Dennoch bietet es bei aller Schlichtheit der zum Glück recht sympathischen Charaktere aber auch intellektuellen Filmfreunden ein paar interessante Bröckchen. Ist es nicht zum Beispiel ein entzückender technokratischer Gedanke, dass Welthungerproblem, durch massiv vergrößerte Tiere lösen zu wollen? Und ist der kurze Film über Taranteln, den ein Biologe unserem männlichen Protagonisten vorspielt, nicht sehr informativ? Vor allem aber: Könnte die Spinne auch als Metapher für irgendetwas dienen? Dazu mehr unter „Hopsys Gedanken“.

 

Alles in allem ist „Tarantula“ für seine Zeit erfreulich gut getrickst und auch in der Darstellung der Geschlechter vergleichsweise fortschrittlich. Die männliche Hauptfigur (John Agar) tritt selbstsicher, aber nicht machohaft auf. Die weibliche Hauptfigur (Mara Corday) ist eine selbstbewusste Biologin, was dem damaligen männlichen Kinopublikum womöglich mehr Angst gemacht hat als die Riesenspinne. Dass sie sich „Steve“ (als Kurzform von Stephanie) nennen lässt, ist ebenso bemerkenswert, wie ein kurzer Dialog, in dem sie erklärt, dass sie als (universitär ausgebildete) Assistentin eines Professors sicher auch für ihn kochen und putzen wird. Ein liebenswerter, weitgehend auch heute gut guckbarer Monsterspinnenfilm, der aufgrund seiner Pionierleistung im Spinnen-Genre und des nostalgischen Wertes von mir vier von fünf Sternen bekommt.  

 

Trivia: Bei den Dreharbeiten wurde keine Tarantel, sondern eine Vogelspinne namens Tamara eingesetzt. Der Einsatz von Druckluftdrüsen sorgte dafür, dass sie sich auf den gewünschten Wegen durch liebevoll gestaltete Miniaturlandschaften bewegte. Es ist ein unbelegter Mythos, dass Tamara zwei Jahre später in Jack Arnolds SF/Horror-Film „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ wieder „mitspielte“. Dort wurden vielmehr verschiedene Spinnen genutzt.

 

Professor Deemer, der im Film hinter den Wachstumsexperimenten steckt, meint es eigentlich gut und wird auch nicht als böse oder verrückt dargestellt. Deemer sagt, dass im Jahr 2000 auf der Erde 3.6 Milliarden Menschen leben werden und mit Nahrung versorgt werden müssen. Tatsächlich verschätzte er sich. Im Jahr 2000 lebten bereits über 7 Milliarden Menschen auf der Erde.

 

Wenn man sich die Buntglasfenster im Bestattungsinstitut (zum ersten Mal ab Minute 5 des Films) genau ansieht, erkennt man, dass mindestens eines davon im Flur des Bates-Hauses in „Psycho“ (1960) und dessen Fortsetzungen verwendet wurde. Genau wie „Tarantula“ wurde die „Psycho“-Reihe in den Universal Studios produziert.

 

Clint Eastwood hat hier eine kleine Rolle als Leiter einer Flieger-Staffel. Nach einem kurzen Auftritt in „Die Rache des Ungeheuers“ – ebenfalls 1955 und ebenfalls von Jack Arnold – war das seine zweite Rolle in einem Film überhaupt. In den Credits wird er allerdings nicht erwähnt.  

 

Der Film soll in Arizona spielen, wurde aber in Kalifornien gedreht. 

 

Sehen kann man den Film kostenlos, allerdings in schlechter Qualität hier: https://archive.org/details/PhantasmagoriaTheater-Tarantula1955871

 

IMDB: 6.4 von 10

Letterboxd-Rating: 3.1 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Natürlich ist eine Riesenspinne erst einmal nur eine Riesenspinne. Aber Cineasten können es nicht lassen, gerade im Phantastischen immer auch eine Metapher, ein Symbol oder eine Allegorie zu sehen. Sigmund Freud erklärte die Angst vor Spinnen mit der Furcht vor einer „dominanten Mutter“. Er erklärt in seiner Vorlesung „Revision der Traumlehre“, die Spinne im Traum sei ein Symbol der Mutter, aber der phallischen Mutter, vor der man sich fürchtet, so dass die Angst vor der Spinne den Schrecken vor dem Mutterinzest und „das Grauen vor dem weiblichen Genitale ausdrücke". Davon ist in „Tarantula“ allerdings nichts zu merken. Eine Mutter taucht nicht auf, der junge Arzt hat keine Angst vor Frauen, und die junge Biologin ist weder unterwürfig noch dominant. Auch bedroht die Spinne keineswegs explizit Männer oder gar den Helden. Hätte Hitchcock den Film gedreht, wäre Freud womöglich zu seinem Recht gekommen, so aber können wir das Mutterthema getrost beiseiteschieben. Ein am Rande der Wüste herumexperimentierender Wissenschaftler lässt eh viel eher an die Atombombentests denken, die die USA vor allem in den 1950ern und vor allem in Wüstengebieten durchführten. Die Angst vor der größten Bombe aller Zeiten und den Auswirkungen radioaktiver Strahlen könnte sich sowohl in der Riesenspinne als auch in den raschen und drastischen Gesichtsveränderungen der Wissenschaftler im Film ausdrücken.

 

David J. Skal schreibt in seinem Buch „The Monster Show. A Cultural History of Horror“ (1994), dass der japanische Film „Godzilla“ (1954) etwas ins Leben rief, was er als eine der größten rituellen Zurschaustellungen einer naiven Metapher bezeichnete. Das Vehikel der Metapher seien riesige Kreaturen, der Tenor die „atomic anxiety“, also die Angst vor Atomwaffen und Radioaktivität. Die Amis hatten zwar selbst keine Atombombenwürfe über ihrem Land erleiden müssen, brachten aber ebenfalls bereits 1954 mit „Formicula“ (amerikanischer Titel „Them“) einen Film heraus, in dem Ameisen durch die Strahlung von Atomwaffentests in der Wüste von New Mexico ins Riesenhafte vergrößert werden. So fiel der Startschuss für die mit atomaren Ängsten spielenden Riesenmonster-Filme in Japan und den USA fast gleichzeitig. Allerdings wissen Nerds, dass bereits 1953 der Independent-Film „Panik in New York“ („The Beast from 20.000 Fathoms“) einen per Atombombentest aus dem Eis der Arktis befreiten Saurier über die Leinwände der US-Kinos stromern ließ. 

 

All diese Filme thematisieren die Angst vor der bisher nie dagewesenen Zerstörungskraft der Atombombe, die sich durch die Abwürfe in Nagasaki und Hiroshima zeigte. „Die Wissenschaft“ erschien in diesen Zeiten in einem besonders fragwürdigen Licht. Auch wenn Horrorfilme erstaunlich oft „wissenschaftsskeptisch“ sind bzw. Ängste vor den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen nutzen/schüren/thematisieren – die Monsterfilme der 1950er sind eine Sache für sich. Denn die unglaubliche Größe der Bedrohung hat auch immer etwas Faszinierendes und Erhabenes und legt nahe, dass die Entdeckung der atomaren Sprengkraft neben Angst auch Größenphantasien freisetzte. Dazu passt, dass Radioaktivität, die ja in der Realität nur krank macht und Krebs erzeugt, in SF-Geschichten seit den 1950ern auch besondere Kräfte verleiht. Spider-Man wird von einer radioaktiv verseuchten Spinne gebissen. Hulk alias Dr. Robert Bruce Banner wird von Gamma-Strahlung getroffen. Captain America bekommt von Wissenschaftlern ein (radioaktives?) „Supersoldatenserum“ injiziert. Und der Atom-Physiker Jon Osterman wird zum Superhelden „Doctor Manhattan“, nachdem er einen atomaren Unfall in einer Testkammer überlebt hat. Das Prinzip wird klar! Und so wie die „verstrahlten“ Männer Superkräfte entwickeln, so wachsen die verstrahlten Insekten (und anderes Getier) in den „big bug movies“ der 1950er zu superpotenten Giganten heran. Vielleicht spiegeln sie also auch die Angst vor dem eigenen Größenwahn wider. Man könnte argumentieren, dass Monster (das Wort geht auf das Lateinische „monstrare“ also „zeigen“, „warnen“ und „mahnen“ zurück!) dafür zuständig sind, Grenzen zu schützen. Da wo Menschen sich zu weit in die Wildnis wagen, es sexuell jenseits gesellschaftlicher Normen treiben wollen, oder aber eben in ihrem Forscherdrang jede Rücksicht fahren lassen – da lauert das Monster und mahnt eindrucksvoll zur Vorsicht! Interessant ist in dieser Hinsicht vor allem der Wüstendialog, den der Arzt und die Biologin bei ihrem ersten Rendezvous führen. Hier wird die Wüste als archaisch, fremd, exotisch romantisiert, aber zugleich vom Arzt als etwas „Böses“ bezeichnet (“something from another life. Serene, quiet, yet strangely evil, as if it were hiding its secret from man.”). Später wird der gleiche Arzt resümieren, dass die Spinne durch die Experimente aus ihrer „primitiven Welt“ genommen und „auf unsere“ losgelassen wurde. Er versteht so wenig wie wahrscheinlich die Filmmacher und das Kinopublikum damals und heute, dass Spinne und Mensch, Wildnis und Zivilisation in der gleichen Welt leben.

 

Wer noch mehr Interessantes und Analytisches zu „Tarantula“ lesen will, findet hier einen tollen Aufsatz von Lea Anderson, den sie 2023 im Magazin „Fangoria“ veröffentlicht hat. Ein weiterer (hoffentlich) inspirierender Lektüretipp, der nichts mit „Tarantula“ zu tun hat, ist der Aufsatz „Feministische Aspekte der experimentellen Spinnenkunde“ von Helene von Oldenburg.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0