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Arachnophobia

Gediegener Nostalgiespaß         

 USA 1990   

 Regie: Frank Marshall                       

 Laufzeit: 109 Minuten

 

Handlung: Dr. Ross Jennings zieht mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern aus San Francisco in eine Kleinstadt, um dort die Stelle des Arztes anzunehmen. Blöderweise hat sich der alte Kleinstadtarzt nun doch dagegen entschieden, den Ruhestand anzutreten. Schlimmer noch: Eine extrem giftige Spinne aus Südamerika verbreitet sich in dem Ort. Und Dr. Jennings leidet an Arachnophobie.

 

Besprechung: Dies ist wohl bis heute einer der bekanntesten Spinnenfilme. Das dürfte am knackigen Titel und der hochwertigen Produktion Liegen. 20 Millionen Dollar Budget und die Beteiligung von Steven Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment sorgten dafür, dass „Arachnophobia“ kein günstig runtergedrehtes B-Movie wurde, wie es sonst für „Spinnenfilme“ üblich war und ist. Auch ist der Film dank seines Humors und des Verzichts auf exzessive Gewalt recht familienfreundlich. Vorausgesetzt, man leidet nicht an einer Spinnenphobie.

 

Was mir an „Arachnophobia“ besonders gefällt, sind die tollen Bilder. Die Aufnahmen aus dem venezuelanischen Dschungel sind großartig. Auch die typische nordamerikanische Kleinstadt mit ihren teils eindrucksvollen Gebäuden ist richtig schön in Szene gesetzt. Manche Frames möchte ich mir ausdrucken und an die Wand hängen: zum Beispiel die Spinne, die aus dem Nachthimmel in ein Kellerfenster krabbelt. Überhaupt sind die Spinnen stark in Szene gesetzt. Dabei kommt dem Film zugute, dass computergenerierte Spinnenbilder damals noch keine Option waren und das Team auf echte Spinne zurückgriff. Die wirken entsprechend überzeugend und geben dem Film eine Bodenständigkeit, die kaum ein anderer Spinnengruselstreifen für sich beanspruchen kann.

 

Eine weitere Stärke von „Arachnophobia“ sind die Hauptfiguren. Jeff Daniels als Dr. Ross ist gleichermaßen sympathisch wie ein bisschen lustig, seine Frau Molly (Harley Jane Kozak) wirkt nahbar, echt, freundlich und selbstbewusst. John Goodman in einer Nebenrolle als kauziger Kammerjäger Delbert McClintock sorgt für den comic relief, also Erleichterung durch Erheiterung, was gerade für die Zuschauer schön ist, die durch das Krabbelgetier doch zunehmend in Anspannung versetzt werden. Allerdings darf man sich keine großen Lacher erwarten, denn auch wenn der Film als Horrorkomödie ausgewiesen wird, bleiben Slapstick, Absurdität und Schenkelklopfer aus. Vielmehr ist sind es ein paar launige Sprüche und die leichte, freundliche Art, die diesen Film aus dem eindeutigen Horrorbereich herausführen und das Komödien-Etikett plausibel machen. Angenehm finde ich dabei, dass der Film auf die in seiner Zeit typischen sexistischen, chauvinistischen oder das Aussehen von Leuten kommentierenden Witzeleien verzichtet. Den kann man also auch heute noch mit seinen Kindern (ab 12) gucken, ohne sich nachher Vorträge über politische Korrektheit anhören zu müssen.

 

Was die Qualität des Films in meinen Augen etwas schwächt, ist sein stellenweise doch recht gemütliches Tempo. Gerade im Mittelteil wirkt der Film auf mich behäbig und der „Recherchepart“ ist nicht sehr spannend, da wir als Zuschauer ja längst wissen, was die Kleinstadtbewohner mit Hilfe des Spinnenforschers Dr. James Atherton (Julian Sands) erst noch umständlich herausfinden müssen. Diese Behäbigkeit zusammen mit dem nostalgischen 1990er-Gefühl, als viele Filme irgendwie noch unbeschwerter wirkten, machen „Arachnophobia“ zu einem schönen Sonntagnachmittag-Film, zu dem man sich ein Kännchen Kakao gönnt. In der letzten halben Stunde nimmt der Film allerdings Fahrt auf und empfiehlt sich als Rosskur für alle Menschen mit handfester Spinnenangst.

 

Trivia: Für den korrekten Umgang mit den Spinnen war der berühmte Insektenkundler Steven R. Kutcher zuständig. Es wurde während der Dreharbeiten darauf geachtet, keine der genutzten Taranteln oder Avondale-Spinnen zu verletzen oder zu töten. Wenn nötig, wurden Dummys aus Gummi und anderen Materialien verwendet. Die große Spinne am Ende des Films ist natürlich ein animatronisches Modell.

 

Eine frühe Drehbuchfassung, die Jeff Daniels zu lesen bekam, zielte noch auf einen reinen Horrorfilm ab. Daniels bezeichnete das Skript als ziemlich unoriginell. Er und Regisseur Marshall wollten einen ironischeren, leichtfüßigeren Ton, und es kam zu etlichen Überarbeitungen des Drehbuchs (Don Jakoby, Wesley Strick, Al Williams). 

 

Die Kleinstadt im Film heißt Canaima. Cainama bezeichnet gleichzeitig einen bösartigen Gestaltwandler (Mensch-Tiger), der laut indigenem Guyana-Mythos die südamerikanischen Dschungel unsicher machen soll, als auch einen Nationalpark im Südosten Venezuelas. In dieser Region wurde die erste Viertelstunde von „Arachnophobia“ gedreht, so dass wir einen Blick auf den größten Wasserfall der Welt werfen können, den Salto Ángel mit seiner Fallhöhe von 979 Metern. 

 

IMDB: 6.5 von 10

Letterboxd-Rating: 3.2 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 3.5 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Wie entsteht eine krankhafte Furcht vor Spinnen (Arachnophobie) und was kann man dagegen unternehmen? Tatsächlich zählt diese Phobie weltweit zu den häufigsten. In Kontrollgruppen schätzen Menschen, die an dieser übersteigerten Angst leiden, die Gefahr von einer Spinne gebissen zu werden, deutlich höher ein als Nicht-Betroffene. Auch schreiben sie einem solchen Spinnenbiss wesentlich dramatischere Auswirkungen zu und halten ihre Befürchtungen häufig für rational.

 

Laut einem 2021 für die Max Planck Gesellschaft veröffentlichten Artikels von Laura Beck zählen Angststörungen, und darunter die auf klare Objekte/Situationen gerichteten Phobien, zu den besonders verbreiteten psychischen Erkrankungen. Dabei sei die Angst vor Spinnen in Deutschland die am häufigsten diagnostizierte Phobie. Frauen seien fünfmal häufiger betroffen als Männer. 

 

Die Auswirkungen einer solchen Phobie können einen hohen Leidensdruck erzeugen. Betroffene klagen oft über körperliches Unwohlsein und Spannungszustände. Auch Panikattacken können auftreten. Außerdem kommt es manchmal wegen der nervös auf echte oder vermeintliche Spinnen gerichteten Aufmerksamkeit zu Unfällen. Wenn das Umfeld die Ängste des phobischen Menschen abtut, kann es außerdem zu Gefühlen von Isolation und Scham kommen.

 

Die Frage, warum so viele Menschen überängstlich (also mit einer nicht an der realen Bedrohung orientierten Angst) auf Spinnentiere reagieren, ist nicht wirklich beantwortet. Typische Vorschläge sind, dass Spinnen besonders stark vom menschlichen Erscheinungsbild abweichen, also als sehr fremdartig wahrgenommen werden. Auch ihr Bewegungsapparat wirkt unvertraut und womöglich verstörend, zumal sich Spinnen sehr schnell und unvorhersehbar bewegen können. Im Film „Archanophobia“ kann man es gut mitfühlen: Kleine, extrem giftige* Tiere, die man oft übersieht, und die im Prinzip überall sein können, lösen ein Gefühl allumfassender Bedrohung aus. Kommen sie von oben? Sitzen sie in der Popcornpackung? Lauern sie auf dem Duschkopf? Oder vielleicht im Handschuhfach meines Autos?

 

Eine andere Erklärung für die verbreitete Spinnenfurcht ist natürlich mal wieder „evolutionsbiologisch“. In grauer Vorzeit könnte es mehr und gefährlichere Spinnen gegeben haben. Es könnte also ein Überlebensvorteil sein, besonders ängstlich auf alles Krabbelgetier zu reagieren. Dabei arbeitet das Gehirn (wie so oft) mit Pauschalisierungen, die sich bei manchen Menschen in Extreme steigern können. Laut einer Zwillingsstudie aus dem Jahr 2003 soll bei Phobien auch eine genetische Komponente existieren. Das heißt, Spinnenfurcht wird von einer Generation auf die andere vererbt. Möglicherweise lässt sich die Angst vor Kriechtieren aber auch ohne Vererbung und vielmehr durch vom Umfeld erlerntes Verhalten zumindest ansatzweise Erklären. Interessanterweise sind Spinnenphobien in Europa besonders verbreitet, also dort, wo keine wirklich gefährlichen Spinnen heimisch sind. 

 

Für Betroffene ist die Frage „Warum habe ich diese Angst?“ aber ab einem gewissen Leidensdruck in der Regel weniger zentral als die Frage „Wie werde ich die Phobie los?“ Zum Glück gibt es in diesem Bereich gerade aus der Verhaltenstherapie viele mutmachende Erfolgsberichte. Der Betroffene muss allerdings bereit sein, sich dem angstauslösenden Reiz (nach und nach) auszusetzen. Die sogenannte Expositions- oder Konfrontationstherapie kann auch virtuell durchgeführt werden, so dass Betroffenen der direkte Kontakt mit großen, haarigen Biestern erspart bleibt. Wichtig ist, zu berücksichtigen, dass eine Konfrontationstherapie nur ein Teilelement einer verhaltenstherapeutischen Behandlung sein sollte. Meistens erhält ein Mensch, der an einer Phobie leidet, vor einer Konfrontationstherapie erst einmal Unterweisungen in Entspannungstechniken und wird ausführlich nach Lebensumständen und persönlichen Verhaltensweisen in spezifischen (belastenden) Situationen befragt. Da es sich im Kern um ein Umlernen handelt, ist die Überwindung oder Abmilderung einer Phobie ein komplexer Prozess, der aber glückicherweise als recht erfolgversprechend gilt. Laut der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer lassen sich Angststörungen sehr gut durch Psychotherapie behandeln: „Bis zu 80 Prozent der Patient*innen sind nach einer psychotherapeutischen Behandlung dauerhaft frei von behandlungsbedürftiger Symptomatik.“ 

 

* Natürlich sind Spinnen nur im Film so giftig, dass ein einziger Biss einen Menschen binnen von Sekunden tötet. Die giftigste aller real existierenden Spinnen ist die Sydney Trichternetzspinne (atrax robustus). Ihr Biss kann tatsächlich tödlich sein. Seit der Entwicklung eines Gegengifts im Jahr 1981 sind jedoch keine durch Bisse der Art verursachten Todesfälle bekannt. 

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