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Possession

Kunst oder Kitsch? Kult!

Frankreich, Deutschland 1981   

 Regie: Andrzej Żuławski                       

 Laufzeit: 124 Minuten

 

Handlung: Mark (Sam Neill) arbeitet als Agent für den „Westen“. Als er nach längerer Abwesenheit zu seiner Frau Anna (Isabel Adjani) und seinem kleinen Sohn Bob nach Berlin zurückkehrt, fühlt sich das Ehepaar voneinander entfremdet, Anna will die Scheidung. Zunächst stimmt Mark zu, doch als er von einer Affäre seiner Frau erfährt und mitbekommt, wie sie Bob vernachlässigt, versucht er in einer Mischung aus wütender Eifersucht und Anhänglichkeit den Kontakt wieder herzustellen. Anna jedoch verschwindet immer öfter. Mark lässt ihr nachstellen und muss erkennen, dass Anna ihre Zeit weder bei einer Freundin noch bei ihrer Affäre verbringt. Die Wahrheit ist viel abgründiger.

 

Besprechung: „Possession“ ist einer der Filme, die man so schnell nicht mehr vergisst, ganz egal, ob man das exzessive und zunehmend surreal werdende Ehedrama nun super oder vor allem anstrengend findet. Da sind zum einen Isabel Adjani und Sam Neill, die sich als Paar im Auflösungsprozess die Seelen aus dem Leib spielen und eine Intensität auf die Leinwand bringen, die es locker mit der destruktiven Paardynamik von Liv Ullmann und Erland Jospehson in „Szenen einer Ehe“ (1973) oder Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe in „Antichrist“ (2009) aufnehmen kann. Und dann ist da eine Handlung, die zunehmend ins Irreale und Fragmentarische kippt, ohne dem Betrachter einen Rettungsanker in Form von Erklärungen oder konventioneller Dramaturgie zuzuwerfen. Und schließlich zeigt der Film ausgiebig ein sonderbar entvölkertes Vor-Mauerfall-Berlin und wirkt dabei auch wie eine Zeitreise. Wer die Stadt damals kannte, wird manches wiedererkennen. Alle anderen können darüber staunen, wie sehr sich Berlin in den letzten 44 Jahren zwischen Wedding, Mitte und Kreuzberg verändert hat, ohne dabei eine gewisse Atmosphäre komplett einzubüßen. Wir sehen unter anderem die Swinemünder Straße in Wedding, die Sebastianstraße in Kreuzberg und das Café Einstein in Schöneberg.

In dem Grenzen sprengenden Film gibt es neben Stadtgeschichte natürlich noch mehr zu entdecken: Was zum Beispiel hat es mit dem Doppelgängermotiv auf sich, das sich bei den Ehepartnern spiegelt? Ist die Suche nach dem idealen Partner das Gift, das jede Ehe zersetzen muss? Leben wir permanent in der Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit? Zerstören wir mit Phantasien das, was wir wirklich haben? Und warum hat sich der Regisseur dazu entschieden, mit internationalem Cast im damals noch geteilten Berlin zu drehen und mehrmals die Mauer samt Grenzposten und Gräbern von erschossenen Flüchtlingen zu zeigen? Womöglich zeigt „Possession“ nicht nur eine zerfallende Ehe sowie in Psychosen zerfallende Individuen, sondern auch eine gespaltene Stadt, ein gespaltenes Land, eine gespaltene Welt. Nichts steht so sinnbildlich für den damaligen Ost-West-Konflikt wie die Mauer, jener Grenze zwischen den Kindern der Faschisten und den Kindern der Stalinisten.



„Possession“ erhielt seinerzeit eher durchwachsene Kritiken, wurde in manchen Ländern verboten, in anderen auf den Index gesetzt. Auch heute wird der Film nicht allen gefallen. Das bewusst dem Theater entlehnte Schauspiel hat etwas Künstliches, Expressionistisches und schafft Distanz zu den ohnehin nicht sonderlich sympathischen Charakteren. Der exzessiv ausgestellte Irrsinn, den vor allem Adjani oscarwürdig verkörpert, kann schockierend, aber bei anderer Betrachtung auch komisch wirken. So hat der Film auch etwas von einer Groteske. Und bei aller von Kameramann Bruno Nuytten eingefangenen Bildgewalt zum fantasievollen Score von Andrzej Korzyński stellt sich doch manchmal die Frage: Ist das hier Kunst oder doch eher Prätention? 



„Possession“ ist ein Film, der dem Publikum etwas zumutet und dessen Bereitschaft einfordert, sich auf die Vision der Macher einzulassen. Dann wird man allerdings auch mit einer ganz eigenen Erfahrung belohnt. Und mit mindestens einer Szene, bei der Horrorfans weltweit mit den Zungen schnalzen dürften.

 

EDIT: Beim Anschauen im Kino ist mir aufgefallen, dass der Film die humoristischen Elemente durchaus bewusst einsetzt und die Figuren trotz dr grotesken Tonalität durchaus zwischendurch nahbar wirken. Ich habe "Possession" nachträglich also noch einmal von 4 auf 4.5 Sterne aufgewertet.

 

Trivia: Regisseur Żuławski kann als ein Opfer des „kalten Krieges“ betrachtet werden, musste er doch seine Heimat Polen verlassen, um weiter Filme machen zu können. Auch durchlebte er gerade die Scheidung mit seiner damals Noch-Ehefrau, der Schauspielerin Malgorzata Braunek.

Für die Special Effects war der bekannte italienische Spezialist Carlo Rambaldi zuständig, der unter anderem auch Masken und Animatronik für „Alien – Das unheimliche Wesen aus dem Weltall“ (1979) und „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) beisteuerte.
 
Auch wenn der Film eine französisch-deutsche Co-Produktion ist, wurde er in Deutschland erst 2009 veröffentlicht, und dann gleich als DVD.  

Isabel Adjani sagte über die Dreharbeiten, dass man solche Filme nur machen könne, wenn man jung sei. Es sei eine faszinierende Erfahrung gewesen, aber sie habe sich seelische Verletzungen dabei zugezogen. Für ihre Darstellung der Anna (und der Helen) erhielt sie 1981 in Cannes die Auszeichnung als „beste Schauspielerin“.

Sam Neill wiederum erklärte in einem Interview, „Possession“ sei der extremste Film, in dem er je mitgewirkt habe. Er sei nur knapp mit seiner geistigen Gesundheit aus den Dreharbeiten herausgekommen. In einem anderen Interview nannte Neill „Possession“ von allen Filmen, in denen er gespielt habe, seinen persönlichen Lieblingsfilm.  

 

IMDB: 7.3 von 10

Letterboxd-Rating: 4.1 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4.5 von 5

 

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Ein Thema des Films ist Eifersucht. Mark ist ein Mensch, dem Stabilität und Kontrolle wichtig sind. Seine Ehefrau Anna ist hingegen freiheitsliebend, impulsiv und sinnlich. Was Mark zu Anna hingezogen haben mag, ist gleichzeitig das, was ihm Angst macht. Je mehr er sie jedoch zu kontrollieren versucht, desto stärker wird ihr Drang, sich von ihm zu befreien. Dabei ist der Wunsch nach Kontrolle ein wesentliches Element der Eifersucht. Aus psychologischer Sicht ist Eifersucht eine komplexe Emotion, die sowohl auf individuellen Gedanken und Gefühlen als auch auf kulturellen Normen und Werten gründet. Manche Wissenschaftler*innen legen ein evolutionsbiologisches Fundament der weltweit anzutreffenden Emotion nahe. Der Sinn der Eifersucht sei so betrachtet der Schutz der eigenen Fortpflanzungschancen. Allerdings kann Eifersucht nicht nur gegenüber einem Intimpartner, sondern auch gegenüber einem Bruder, einer Schwester, einer Freundin oder einem Arbeitskollegen empfunden werden.

Eifersucht kann durch einen tatsächlichen (partnerschaftlichen) Vertrauensbruch entstehen (reaktive Eifersucht). Sie kann sich aber auch als präventive Eifersucht zeigen. Dann nimmt der Betroffene erste Warnzeichen wahr und versucht, das Gegenüber von (größerer) Innigkeit mit jemand anderem abzuhalten. Schließlich spricht man (nach Dorschs Lexikon der Psychologie) noch von der selbsterzeugten Eifersucht. Der Betroffene ist generell misstrauisch, was die Loyalität und Treue eines ihm wichtigen Menschen angeht, und wittert auch in völlig harmlosen Äußerungen und Verhaltensweisen des Gegenübers Indizien für einen möglichen Verrat. 



 

In allen Formen wird Eifersucht vom Betroffenen als unangenehm erlebt. Ein eifersüchtiger Mensch fühlt sich unsicher, vielleicht auch ängstlich, traurig oder wütend. Gedanken und Gefühle kreisen um den eigenen Selbstwert, aber auch um den Wert des wichtigen Gegenübers und des Dritten, der in die besondere Zweierbeziehung einzudringen scheint. Psychodynamisch könnte man Eifersucht als „Dreierbeziehung“ bezeichnen. Als Ursachen für Eifersucht gelten ein leicht zu erschütterndes Selbstwertgefühl, Mangel an Vertrauen, geringe Selbstliebe und tiefsitzende Angst vor Ablehnung oder Verlust. Dabei können diese Ursachen natürlich auch alle miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen. Auch können sie vom Umfeld verstärkt oder abgeschwächt werden, zum Beispiel je nachdem, ob Eifersucht als Beweis für wahre Liebe oder als Selbstwertproblem aufgefasst wird. 



 

Eifersüchtige fühlen sich in der Regel gekränkt, schwanken zwischen Wut und Scham, Minderwertigkeitsgefühlen und dem Wunsch, das Gegenüber zu kontrollieren. Sie können schmollen und sich zurückziehen, aber auch offen aggressiv werden. Der Wunsch, den Partner zu kontrollieren, kann obsessive Züge annehmen. Ein Mensch, der unter Eifersucht leidet, gibt meist dem Partner die Schuld an den eigenen Unsicherheiten und Ängsten. Ein erster und ausgesprochen wichtiger Schritt, um mit den quälenden Gefühlen besser umgehen zu können, besteht darin, die Aufmerksamkeit vom Partner und dem eingebildeten oder tatsächlichen Rivalen abzuziehen und auf sich selbst zu schauen. Der Betroffene sollte sich fragen, warum ihn oder sie die mögliche Illoyalität so sehr aufbringt und ob es frühere Erfahrungen gibt, die die Gefühle besser erklären als die gegenwärtige Situation. Dabei soll es nicht in erster Linie darum gehen, einen vielleicht wirklich untreuen Partner zu entlasten, sondern die Verantwortung für die eigenen Gefühle wieder in die eigenen Hände zu nehmen und damit Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen. Anstatt das Gegenüber zu kontrollieren – was eh nie wirklich funktionieren kann, zumindest nicht, ohne die Beziehung zu ruinieren – sollte der eifersüchtige Mensch versuchen, wieder Herr im eigenen Haus zu werden, unter Umständen auch mit der Unterstützung von Freund*innen und professioneller Hilfe. „Herr“ im eigenen Haus zu sein, bedeutet in diesem Fall: Die eigenen Gefühle und Gedanken genau benennen und einordnen zu können, sie als Hinweise auf eigene Verletzungen zu verstehen und schließlich die Wahl zu haben, wie man sich angesichts dieser alten oder neuen Wunden verhält. Hilfreich ist es auch, sich selbst für die eifersüchtigen Gefühle nicht zu verdammen. Das Selbstwertgefühl ist in der Regel eh schon angeschlagen. Weitere Selbstabwertung hilft nicht bei der Genesung von Eifersucht. Gleichzeitig sollte der Eifersüchtige aber die Verantwortung für sein Verhalten übernehmen. Oft wird man aus dem Gefühl heraus, ein Opfer zu sein, selbst zum Täter. Und zerstört mit den aus Eifersucht erwachsenden Aktionen mehr, als es die meisten Rival*innen könnten. 



 

Ein niedrigschwelliger Lesetipp findet sich hier.

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