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Red Rooms – Zeugin des Bösen

Anspruchsvoller und abgründiger Psychothriller

 Kanada 2023    

 Regie: Pascal Plante                        

 Laufzeit: 118 Minuten

 

Handlung: Kelly-Anne arbeitet als Model, wenn sie nicht vor ihrem Laptop sitzt und Geld mit Online-Poker verdient. Vor allem aber verfolgt sie im Gerichtssaal den Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von drei minderjährigen Mädchen. Er soll sie entführt, gefoltert, sexuell missbraucht, getötet und seine Taten gefilmt haben, um die Videos im Dark Web an zahlungskräftige Kunden zu versteigern. Kelly-Anne ist fasziniert von dem Fall. Vor dem Gerichtssaal lernt sie eine andere junge Frau kennen, die sich brennend für den Mörder interessiert, und zutiefst von seiner Unschuld überzeugt ist. 

 

Besprechung: Auch wenn die Grenze zwischen Horrorfilm und Psychothriller nicht immer leicht zu ziehen ist: „Red Rooms“ ist in meinen Augen kein Horrorfilm und ist so gesehen in diesem Blog etwas fehl am Platze. Da der Film aber psychologisch so interessant wie ergiebig ist und sich ernsthaft ins Abgründige begibt, möchte ich ihn hier (als eine Ausnahme) dennoch besprechen.

 

Es ist ziemlich erstaunlich, was der junge Pascal Plante mit seinem ersten Langfilm abliefert: einen fesselnden, eigenständigen Psychothriller, der in keine der Fallen tappt, die eine Geschichte wie diese bereithält. Die Hauptdarstellerin (Juliette Gariépy) ist gnadenlos gut, Score, Bildgestaltung und Sounddesign sind richtig fett und die Zeit, die sich der fast zwei Stunden lange Film lässt, ist in meinen Augen genau richtig bemessen. Gleich zu Beginn gibt es eine lange, fesselnde Szene im Gerichtssaal, die ohne Schnitte und Musik auskommt, und gut in den ernsten und realitätsnahen Ansatz des Films einführt. Dabei ist die Protagonistin Kelly-Anne durchaus sperrig, drängt sich als Sympathieträgerin nicht unbedingt auf und lässt über ihre Motive rätseln. Auch ihre Bekanntschaft Clementine ist kein Charakter, mit dem man sofort in Urlaub fahren möchte, zu offensichtlich ist ihre Überspanntheit. Was treibt die beiden Frauen in den Prozess des abscheulichen Falls? Und was verbindet diese sehr unterschiedlich wirkenden Menschen so miteinander, dass Clementine schließlich bei Kelly-Anne übernachtet und von ihr illegales Material gezeigt bekommt?

 

Der Film zwingt keine eindeutige Interpretation auf und hat nicht den Anspruch, alle Fragen lückenlos zu klären. Das kann manche Zuschauer*innen frustrieren, die eher etwas dramaturgisch Befriedigendes wie „Das Schweigen der Lämmer“ erwartet haben. Andere werden sich freuen, dass ihnen „Red Rooms“ genug Luft lässt, eigene Überlegungen anzustellen. Dabei hilft es sicher, sich zu fragen, was die beiden zentralen Frauen der Geschichte selbst erlebt haben mögen, dass ihre bizarr erscheinenden Verhaltensweisen womöglich schlüssig erscheinen lässt. Auch kann es für Interpretionswillige nicht schaden, sich mit der Legende der „Lady of Shalott“ zu befassen, die auch Gegenstand einer Ballade von Alfred Tennyson aus dem 19. Jahrhundert ist. Und schließlich lädt der Film sicher dazu ein, über die Entfremdung von der Verbindung mit anderen Menschen und der Natur nachzudenken, sowie über die psychischen Auswirkungen einer Arbeitswelt und Technologie, die diese Entfremdung immer mehr verstärkt. Entsteht in dieser entrückten, abgekoppelten, fast schon psychopathischen Atmosphäre nicht der Wunsch, den Mangel an Emotionen und Verbindung zu kompensieren? Und auf verdrehte Weise doch wieder einen Zugang zu unserem Menschsein herzustellen? 

 

Trivia: An den Kinokassen spielte der Film keine 150.000 Dollar ein, gewann aber immerhin unter anderem den jährlich vergebenen Preis für den besten Québec-Film 2023 und die Herzen etlicher Besucher*innen internationaler Filmfestivals, auf denen der Film gezeigt wurde. Auch die Kritiken zu dem Film fielen überwiegend sehr positiv aus.

 

Schauspielerin Juliette Gariépy arbeitet wie die von ihr dargestellte Filmfigur auch als Model. Für ihre Darstellung der Kelly-Anne in „Red Rooms“ gewann sie 2023 bei den 25. Quebec-Cinema-Awards den Prix Iris als „Offenbarung des Jahres“. 

 

Der Film enthält verschiedene Anspielungen auf die Artus-Legende. So ist der Username der Protagonistin beispielsweise „The Lady of Shallot“. Dabei handelt es sich der Legende nach um eine Frau, die dazu verdammt ist, in einem Turm zu leben und die Welt von dort aus lediglich durch einen Spiegel betrachten zu können, der an der Wand gegenüber ihrem Fenster hängt. Da sie sterben müsste, wenn sie den Turm verlässt, bleibt sie dort hocken und webt Wandteppiche. Bis eines Tages Sir Lancelot vorbeireitet und die Lady nicht anders kann, als ihm zu folgen. Bald beginnt allerdings der Fluch zu wirken. Die siechende Lady schafft es noch bis ein Boot und treibt auf einem Fluss in Richtung Camelot zu den Rittern der Tafelrunde. Schließlich bergen Dorfbewohner zusammen mit Sir Lancelot die Leiche aus dem aufs Ufer gelaufenen Boot.    

 

IMDB: 7.1 von 10

Letterboxd-Rating: 3.9 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4 von 5

 

 

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