Intensives Paranoia-Drama

• USA 2006
• Regie: William Friedkin
• Laufzeit: 98 Minuten
Handlung: Die Kellnerin Agnes wohnt in einem heruntergekommenen Motel, trinkt, nimmt Drogen und wird von einem anonymen Anrufer belästigt, hinter dem sie ihren gewalttätigen Ex-Mann vermutet. Eines Tages stellt ihr ihre Sexpartnerin R.C., den verschlossenen Peter vor, der eine mindestens ebenso verstörende Geschichte mit sich herumträgt wie Agnes.
Besprechung: Das ist ein eigenwilliger Film. Friedkin selbst bezeichnete ihn als „black romantic comedy“. Diese Sichtweise ist generell nachvollziehbar, drängt sich aber nicht gerade auf. In meinen Augen handelt es sich bei „Bug“ um ein psychologisches Drama, das in solche Extreme des Menschseins hineinleuchtet, dass die Zuordnung als „Horrorfilm“ gerechtfertigt ist. Die Inszenierung ist kammerspielartig, der Kontrast zwischen dem Innen und dem Außen des Motels auch farblich stark herausgearbeitet. Überhaupt ist die Farbgebung des Films interessant. Bräunliche Tristesse wird mit kaltem blauem Licht kontrastiert, diffuse Innenbeleuchtung mit klarem blauem Himmel draußen vor dem Motel. Das Innere ist die Welt des Wahnsinns, in den Menschen von Außen eindringen, mal, um zu helfen, mal, um das Gefühl von Bedrohung und Isolation zu verstärken.
Eine Stärke des Films liegt darin, dass die zentralen Figuren Agnes (Ashley Judd) und Peter (Michael Shannon) in ihrer Beschädigung durchaus glaubhaft und gleichzeitig nicht unsympathisch wirken. Letztlich sind es Menschen wie du und ich, die durch üble Umstände über die Grenzen ihrer Ressourcen hinaus gefordert werden, und sich in einer furchteinflößenden Welt aneinanderklammern.
Friedkin – der in den 1970ern mit „Brennpunkt Brooklyn („French Connection“) und „Der Exorzist“ Filmgeschichte schrieb – inszenierte diesen alles anderen als mainstreamtauglichen Film mit einem schmalen Budget von vier Millionen Dollar, setzte auf ungewöhnliche Schnitte, eine hintergründige Soundkulisse und eine Kamera, die immer nah an den Figuren ist und diesen wie mit dokumentarischem Interesse folgt. Dabei gelingen realistisch wirkende Momente von Bedrohung, Einsamkeit und versuchter Nähe. Wir erleben mit, wie Menschen ihre Vorstellung der Realität an ihre Bedürfnisse anpassen und letztlich Kontrolle ein zentrales Motiv ist. Das ist im Kern tragisch und mit seinem Motiv-Cocktail von Paranoia, Verschwörungsglaube, emotionaler Abhängigkeit, Trauma und Drogenmissbrauch gut gealtert. Der Film wirkt auch zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen bedrohlich aktuell.
Leider ist die Entwicklung der Hauptfiguren im letzten Drittel mehr sprunghaft als rundum nachvollziehbar. Auch könnte man den Darstellern hier Overacting vorwerfen. Ich glaube, dass „Bug“ sein Potenzial nicht ganz ausschöpft und je nach Stimmung tatsächlich (unfreiwillig) komisch wirken kann. Aber auch dann bleibt ein ungewöhnlicher, interessanter und nachhaltiger Film, der Friedkin im Alter von 70 Jahren noch einmal in guter Form zeigte.
EDIT: Da mich der Film noch länger verfolgt hat und sich als trotz der genannten Schwächen als sehr wirkungsvoll erwiesen hat, habe ich ihn nachträglich von 3.5 auf 4 Sterne aufgewertet.
Trivia: Das Drehbuch wurde von Tracy Letts geschrieben. Als Vorlage nutzte er sein bereits 1996 geschriebenes Theaterstück, das ebenfalls den Titel „Bug“ trug. Michael Shannon hatte bereits in dem Stück die männliche Hauptrolle gespielt.
Der Abspann des Films enthält zwei kurze Szenen/Aufnahmen, die möglicherweise symbolisch auf die Traumata der Hauptfiguren verweisen.
Benjamin Radford, ein Psychologe am Center for Inquiry, schrieb 2013 über die den Film, dass er „einen ziemlich realistischen (wenn auch natürlich fiktionalisierten) Blick für Laien auf diese Störungen“ wirft.
Das Set-Design des Films stammt von Franco-Giacomo Carbone, dem Produktionsdesigner von Filmen wie "Hostel" (2005) und "Rocky Balboa" (2006).
Für die Rolle der Agnes wurde ursprünglich auch Jodie Foster in Betracht gezogen.
Der Film wurde im Juli und August 2005 im südlichen Louisiana gedreht, nur eine Woche, bevor dort der Hurrican „Katrina“ wütete.
IMDB: 6.1 von 10
Letterboxd-Rating: 3.5 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Der Glaube an eine Verschwörung mächtiger Kreise gegen den Rest der Menschheit, mag für diejenigen, die daran glauben, beunruhigend sein. Andererseits erzeugt aber das vermeintliche Wissen um diese Verschwörung und ihre Absichten auch ein Gefühl von Kontrolle. Bisher unverständliche Zustände von Misstrauen, Angst und Unwohlsein können plötzlich erklärt werden. Auch eine klinische Paranoia kann dem darunter leidenden Menschen immerhin phasenweise den Eindruck vermitteln, die Kontrolle zu haben. So schreiben die Psychologinnen Dr. Daniela Birello und Dr. Lindita Prend in einem kleinen Essay: „Diejenigen, die unter Paranoia leiden, leben in dem ständigen Glauben, dass sie „einen Feind zu bekämpfen“ haben. […] Um sich gegen den ständigen Angriff auf sich selbst zu verteidigen, versucht der paranoide Mensch, alles und jeden zu kontrollieren.“ In dem Aufsatz steht auch: „Eine weitere Verschlimmerung tritt ein, wenn Paranoia auch von Verfolgungswahn oder dem Glauben begleitet wird, ausspioniert zu werden, verfolgt zu werden, das Objekt von Verschwörungen zu sein, in Gefahr zu geraten, vergiftet oder überfallen zu werden, Opfer einer Handlung zu sein, die darauf abzielt, ihnen zu schaden.“
Im Film „Bug“ nun gerät die schwer verletzte und verunsicherte Agnes nach der Ehe mit einem kontrollsüchtigen und gewalttätigen Ehemann an einen Menschen, der ganz anders wirkt: Peter ist zurückhaltend, ehrlich und kann Agnes meistens als eigenständigen Menschen wahrnehmen, der nicht nur eine Prothese für die eigene Bedürftigkeit ist. Allerdings entpuppt sich auch Peter als ein Kontrollsüchtiger. Agnes hat nur die Wahl, seine eigenwillige Wahrnehmung der Realität zu teilen, oder ihn zu verlieren. In grotesk vergrößerter Weise ist das ein Konflikt, der vor allem in nahen Beziehungen zwischen Menschen kaum vermeidbar ist: Immer konkurrieren zwei Sichtweisen auf die Welt, sich und andere miteinander. Die anfängliche Verliebtheit mag darüber hinwegschweben, aber Menschen sind immer auch Individuen mit individuellen Vorstellungen, Überzeugungen und Wahrnehmungen, die nicht deckungsgleich sind. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist, dass die eine Person die eigene Wahrnehmung zugunsten der Wahrnehmung des Partners unterdrückt, leugnet, ignoriert. Das klingt ungesund und gefährlich, dürfte aber durchaus alltäglich sein, wenn auch nur momentweise und nicht als generelle Haltung.
Es gibt wissenschaftliche Analysen, die nahelegen, dass psychopathologische Sicht- und Verhaltensweise quasi ansteckend sein können, also nicht auf ein Individuum beschränkt bleiben. So schreiben Danny Horesh, Ilanit Hasson-Ohayon und Anna Harwood-Gross in ihrem Aufsatz The Contagion of Psychopathology across Different Psychiatric Disorders: A Comparative Theoretical Analysis: „We argue that emotions, cognitions, and behaviors often do not stay within the borders of the individual, but rather represent intricate dynamic experiences that are shared by individuals, as well as transmitted between them.“ [„Wir vertreten die Ansicht, dass Emotionen, Erkenntnisse und Verhaltensweisen häufig nicht innerhalb der Grenzen des Individuums bleiben, sondern vielmehr komplexe dynamische Erfahrungen darstellen, die von Individuen geteilt und zwischen ihnen übertragen werden.]
Es lohnt sich, gesellschaftspolitische wie persönliche Beobachtungen einmal auf die Frage hin abzuklopfen, inwiefern Paare, Freundinnen, Gruppen oder ganze Massenbewegungen verquere Überzeugungen teilen, um miteinander verbunden zu bleiben und sich als Einheit zu erleben, die nicht dadurch gestört wird, dass letztlich Individuen nie ganz gleich auf die Wirklichkeit blicken.
Abschließend möchte ich noch ein Interview mit dem Filmwissenschaftler Johannes Binotto verlinken, der darin über eine von ihm kuratierte Filmreihe mit „Paranoia-Filmen“ spricht.
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