Nervenzerrender Stalking-Horror

• USA, Australien 2020
• Regie: Leigh Whannell
• Laufzeit: 124 Minuten
Handlung: Cecilia ist mit dem reichen Optik-Ingenieur Adrian zusammen, der nicht nur ein schlimmer Kontrollfreak ist, sondern auch auf viele erdenkliche Weisen gewalttätig gegenüber seiner Freundin. Eines Nachts gelingt Cecilia die Flucht aus dem Haus des Freaks. Kurz danach begeht er Selbstmord. Damit ist leider nicht Ruhe, denn ein unsichtbarer Stalker heftet sich an Cecilias Fersen und lässt sie bald an ihrem Verstand zweifeln.
Besprechung: Was ist schlimmer als ein Stalker? Ein unsichtbarer Stalker. Die Idee, den alten Universal-Klassiker als Stalking-Horror neu zu interpretieren, ist einfach stark. Und glücklicherweise setzt der Film seine Prämisse auch gut um. Elisabeth Moss spielt die Verfolgte in diesem aufwühlenden Szenario facettenreich. Man nimmt ihr sowohl die extrem verschreckte junge Frau als auch die entschlossene Kämpferin ab. Auch ihre Performance am Rande des Wahnsinns hinterlässt Eindruck. Leider muss ich zugeben, dass ich Moss von ihrer Erscheinung und Mimik her so unattraktiv finde, dass es an Antipathie grenzt. Das ist subjektiv und oberflächlich, hat aber nun einmal für mich die Wirkung des Films abgeschwächt. In meiner unten stehenden Wertung habe ich meine persönliche Antipathie allerdings nur gering gewichtet.
Rundum überzeugt hat mich allerdings die Kameraarbeit von Stefan Duscio. Die Kamera wirkt in „Der Unsichtbare“ immer wieder wie ein eigenständiges Wesen, durch dessen Augen wir das Geschehen so betrachten, wie es das Wesen will, nicht wie wir es wollen. So entsteht der unheimliche Eindruck, dass der Unsichtbare immer da sein kann, kein Ort ist sicher, jeder Raum birgt potentiell Gefahr. Und das ist etwas, das starke Horrorfilme auszeichnet: Das Selbstverständliche und Vertraute wird unheimlich. Eine offene Tür ist nicht einfach nur eine offene Tür, sondern ein Hinweis auf die Präsenz eines bösen Wesens. Das Auge versucht, die Umgebung zu sondieren, der Feind kann überall lauern. Diese paranoide Stimmung entsteht schon in der großartigen Eröffnungssequenz und prägt dann vor allem die erste Hälfte des Films. In der zweiten hat man sich dann zum einen etwas daran gewöhnt, zum anderen setzt „Der Unsichtbare“ nun mehr auf Action und ein paar Morde, so dass der Film nicht Gefahr läuft, als Stalking-Drama kategorisiert zu werden. Es bleibt ein Genrefilm für Horrorfreunde. Dass dabei die Plausibilität etwas leidet, ist neben der etwas zu üppigen Länge eine Schwäche des Films.
Insgesamt überwiegen für mich aber deutlich die Stärken, zu denen neben der starken Prämisse, dem Stalking-Thema, der intelligenten Kameraarbeit und der teilweise sehr hohen Spannung auch die Settings des Films gehören. Besonderes Highlight ist das Anwesen des Optik-Ingenieurs. Die minimalistisch moderne Architektur, in der jeder Winkel mit einer Kamera überwacht werden kann, hat es wirklich in sich. Kurz: Es wurden schon deutlich weniger ansehnliche und wirkungsvolle Filme mit einem Budget von sieben Millionen Dollar gedreht.
Trivia: Der Film wurde ein großer Erfolg, erhielt überwiegend sehr gute Kritiken und spielte fast 150 Millionen Dollar ein.
Um den Unsichtbaren in Szene zu setzen, griffen Whannell und sein Team sowohl auf Techniken der alten Schule als auch auf modernste CGI zurück. Die Old-School-Tricks bestanden unter anderem aus einem komplett grün angezogenen Darsteller, den man später im Film per Chroma Keying übermalen konnte. Diese Technik unterscheidet sich nicht nennenswert von dem Verfahren, das man bereits 1933 im Universal Klassiker „The Invisible Man“ nutzte. Was heute oft als Green Screen bezeichnet wird, war damals noch die Bluebox. Die wesentliche Funktion der Bluebox ist es, Hintergründe oder auch Objekte im Filmmaterial in der Postproduktion freistellen und ersetzen zu können. Personen und Objekte können ausgeblendet oder scheinbar unsichtbar gemacht werden. Auch andere Größenverhältnisse können mittels Chroma Keying vorgetäuscht werden.
Cecilia, der Name der weiblichen Hauptfigur, geht auf das Lateinische Caecus zurück, das „augenlos“ bzw, „blind“ bedeutet. Im Film wird sie manchmal auch einfach „C“ genannt, was wie „see“ klingt.
Ursprünglich sollte der Film im „Dark Universe“ spielen, einer Reihe von Universal-Filmen, in denen alte Horrorfiguren wie Graf Dracula, die Mumie oder eben der Unsichtbare wieder auftauchen und miteinander in Beziehung stehen sollten. Der unsichtbare Mann sollte von Johnny Depp gespielt und das Drehbuch zum Film von Ed Solomon geschrieben werden. Nachdem aber die Filme „Dracula Untold“ (2014) und „Die Mumie“ sich für Universal als Flops entpuppten, entschied man sich für eine weniger ambitionierte Herangehensweise. Die Filme mit den einzelnen Monstern stehen nun für sich. 2025 kam Whannells „Wolf Man“ in die Kinos.
Der Originalfilm von 1933 wurde von James Whale (u.a. „Frankenstein“, „Frankensteins Braut“) gedreht und geht auf die gleichnamige Romanvorlage von H.G. Wells aus dem Jahr 1897 zurück. Mit dem Roman und dem Universal-Klassiker aus den 1930ern hat diese Neuverfilmung hier inhaltlich nur wenig gemein.
IMDB: 7.1 von 10
Letterboxd-Rating: 3.4 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Was der unsichtbare Mann in dem Film betreibt, ist Stalking, das natürlich auch in der Realität vorkommt. Laut einem Artikel in „Psychologie heute“ aus dem Jahr 2018 werden in Deutschland jährlich 20.000 Stalking-Fälle angezeigt. Meist sind die Stalker Männer und die Stalkingopfer Frauen, aber es gibt auch stalkende Frauen und gleichgeschlechtliches Stalking, bei dem ebenfalls die Männer als Täter (und Opfer) dominieren. Studien und Statistiken zufolge sind in Deutschland und in den USA ca. 80 Prozent der Stalking-Opfer weiblich. Der „Frauen gegen Gewalt e.V.“ gibt für Deutschland Studien an, denen zufolge 24 Prozent der Frauen und 4 Prozent der Männer einmal in ihrem Leben von Stalking betroffen sind. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass strafrechtlich nicht relevante Formen des Stalkings in diesen Statistiken in der Regel nicht erfasst sind. Auch empfinden Männer das Nachstellen durch Frauen oft erst spät als bedrohlich und suchen selbst dann des Öfteren keine Hilfe. Berücksichtigt man diese Umstände, dürfte der Prozentsatz stalkender Frauen deutlich höher sein (siehe hier). Die Stalker, die ihre Opfer (oft Ex-Partnerinnen) allerdings körperlich angreifen und sogar töten, sind mit sehr großer Mehrheit Männer.
Stalker suchen immer wieder Kontakt zu ihrem Opfer und versuchen, Einfluss auf dessen Leben zu nehmen. Ihre Handlungen können sein:
• Kontaktaufnahme per Anruf, Mail, Chat, Sprachnachricht zu jeder Tages- und Nachtzeit
• Auflauern vor der Wohnung, am Arbeitsplatz, vor dem Supermarkt usw.
• Unerwünschte Geschenke
• Ausspionieren des Tagesablaufs, des sozialen Umfelds und persönlicher Daten
• Kontaktaufnahme zu Menschen, die dem Opfer nahestehen
Verleumdung, üble Nachrede, Gaslighting (auch im Internet)
• Sachbeschädigung
• Einbruch
• Identitätsdiebstahl im Internet
• Nötigung, körperliche und sexualisierte Gewalt
Nach der Monographie von Mullen, Pathé und Purcell aus dem Jahr 2000 werden fünf Typen von Stalkern beschrieben:
• Der zurückgewiesene Stalker
- Größte Gruppe (50%)
- Meist Ex-Partner
- Oft Motivations-Mix aus Wut und Wiederannäherung
- Glauben, dass Opfer sie provoziert
- Auch Rachegefühle infolge narzisstischer Kränkung
• Der beziehungssuchende Stalker
- Fehlwahrnehmung von Beziehung
- Ignorieren/Uminterpretieren von Feedback des Opfers
- Idealisieren des Opfers, „Verehrertypen“
- Oft isolierter Lebensstil des Täters
- Opfer kann als Partner/Freund/ Elternfigur gewünscht werden
- Unempfindlich gegenüber Abwehr
- Gefühl der inneren Unruhe
• Der attackierende Stalker
- Täter fast immer männlich
- Stalking ist Vorstufe zur Gewalttat (Ausspähen, Macht-Phantasien, Üben)
- Häufig sexuelle Gewalttat
- Opfer bemerken Stalking nicht
- Täter manchmal Defizit bei sozialem Beziehungsnetzwerk (Einzelgängertypen)
• Der rachsüchtige Stalker
- Opfer steht für Unrecht, das dem Täter vermeintlich angetan wurde
- Täter wollen Ohnmacht in Macht wandeln
- Opfer soll Angst und Verzweiflung spüren
- Täter fühlen sich berechtigt, zu stalken, sehen sich selbst als „Opfer“, das Vergeltung übt.
• Der erotomane, morbide, krankhafte Stalker
- Meist psychopathische Persönlichkeit, häufig paranoide Störung
- Motivation: Kontrolle/Dominanz
- Opfer als „Jagdobjekt“
- Subtile Stalking-Techniken
Außerdem erwähnen Mullen, Pathé und Purcell noch den sadistischen Stalker, dem es Befriedigung verschafft, Menschen aus seinem näheren oder weiteren Umfeld zu terrorisieren.
Wie sich an diesen Orientierungshilfen ablesen lässt, gibt es nicht DEN Stalker und die psychologischen Ursachen können unterschiedlich sein. Oft ist ein starkes Kontrollbedürfnis zentral, das wiederum Ausdruck emotionaler Abhängigkeit, narzisstischer Kränkung und/oder Liebesobsession ist. Auch das Rachemotiv kann bei Stalkern stark ausgeprägt sein. Und schließlich gibt es die sozial inkompetenten Menschen, manchmal mit sehr niedrigem IQ, die auf manipulative Weise versuchen, Nähe herzustellen, weil sie keine anderen Möglichkeiten kennen oder als erfolgreich erlebt haben.
Für die Opfer ist Stalking in der Regel alles andere als eine Bagatelle und hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Das Gefühl, nie wirklich sicher zu sein und zunehmend die Kontrolle über den eigenen Bereich zu verlieren, führt zu Stress und Ängsten, die wiederum Schlafprobleme und eine Reihe von körperlichen Symptomen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Herzrasen auslösen können. Laut einem Beitrag auf Betagenese Klinik GmbH leiden nicht wenige Stalkingopfer an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression.
Stalking ist laut § 238 StGB dann strafbar, wenn der Täter eine andere Person wiederholt auf eine Weise verfolgt, anruft, belästigt oder bedroht, „die geeignet ist, deren Lebensgestaltung nicht unerheblich zu beeinträchtigen.“
Das ist natürlich recht schwammig formuliert, aber man sollte als Opfer:
a) früh die Polizei einschalten, auch wenn man sich noch nicht erheblich beeinträchtigt fühlt, denn man unterschätzt anfangs in der Regel die Auswirkungen des Stalkings und die Hartnäckigkeit des Stalkers
b) dem Stalker klar und so unmissverständlich wie möglich mitteilen, dass man keinen Kontakt zu ihm oder ihr will und gegebenenfalls die Polizei einschaltet
c) eine Liste aller unerwünschten Kontaktaufnahmen führen
d) Dokumentieren, wenn der Stalker einem auflauert, z.B. durch Aufnahme mit dem Smartphone
e) früh sein Umfeld informieren und Zeug*innen finden, die gegen den Stalker aussagen
f) dem Stalker nicht antworten, zurückschreiben oder ihn selbst kontaktieren. Einzige Ausnahme siehe b)
g) Auskunftssperre bei der Meldebehörde beantragen, Telefonnummer und Mailadresse ändern
h) die Nostalk-App des Weißen Rings nutzen
i) Kontakt zu einer Beratungsstelle aufnehmen
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