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Green Room

Extrem spannender Horrothriller

 USA 2015   

 Regie: Jeremy Saulnier                        

 Laufzeit: 95 Minuten

 

Handlung: Eine vierköpfige Punkband („The Ain’t Rights“) treten aufgrund einer  Fehlbuchung ihres bekifften Managers in einem entlegenen Naziclub in den Wäldern Oregons auf. Das geht so lange gut, bis eines der Bandmitglieder noch einmal in den Backstageraum (Green Room) muss, weil es dort sein Handy vergessen hat. Und etwas sieht, was es nicht hätte sehen sollen. Von dort an wird es rustikal. 

 

Besprechung: Die Prämisse ist etwas schräg, aber der Film gleicht das locker durch seine authentische Atmosphäre, gut geschriebene Figuren und ein Setting aus, das einfach echt wirkt. Der Naziclub wirkt nicht dämonisch überzeichnet, sondern glaubhaft, und dadurch umso bedrohlicher. Auch die durchaus trotzigen Punks mit ihren manchmal etwas impulsiven Entscheidungen kann man sich genau so im echten Leben vorstellen. Dieser Realismus trägt erheblich zur Spannung bei. Dazu kommt, dass „Green Room“ nicht berechenbar verläuft. Wer hier am Leben bleibt und wer stirbt, lässt sich – anders als bei vielen Hollywoodfilmen – keinesfalls vorhersagen. So bietet Saulnier einen Adrenalinkick auch und gerade für abgebrühte Gucker. Die Gewalt ist hier nicht effekthascherisch und überzeichnet inszeniert, sondern realistisch. Und gerade wer an einer Hundephobie leidet, sollte sich auf Unannehmlichkeiten gefasst machen. 

 

In seiner Eskalationsdynamik hat mich der Film manchmal an Finchers starken „Panic Room“ aus dem Jahr 2002 erinnert. Wir haben es hier eben in erster Linie mit Menschen und nicht mit völlig professionellen Tötungsmaschinen zu tun. Und dass die Menschen auf beiden Seiten Fehler machen und manchmal ratlos sind, erhöht den Thrill. Die Darsteller*innen (darunter Anton Yelchin, Imogen Poots und Alia Shawkat) machen ihre Sache richtig gut. Der bekanneste Schauspieler im Cast ist allerdings Patrick Stewart, der hier einmal gegen seinen Typ besetzt wurde. Stewart spielt den Anführer der Neo-Nazi-Gruppe, und wirkt dabei nicht psychopathisch, sondern nüchtern und besonnen. Auch das trägt zum Realismus des Films bei und unterscheidet ihn von teureren US-Mainstream-Thrillern. Ich gönne „Green Room“ die Prominenz durch Patrick Stewart, werde aber bei seinem Auftreten etwas aus dem Film gerissen. Ich verbinde ihn einfach zu sehr mit seiner Rolle als Captain Picard aus Star Trek. So wie Nicolas Cage in meinen Augen Longlegs auf filmischer Ebene nicht gutgetan hat, ist Patrick Stewart hier keine rundum befriedigende Besetzung.   

 

Der Film hat noch eine weitere Schwäche. Gleich bei der ersten Szene bin ich in meinem Wohlwollen etwas heruntergedimmt worden: Der Tourbus der Band steht in einem Maisfeld. Der Fahrer wacht auf, die anderen auf Beifahrersitz und Rückbank ebenfalls, und der Fahrer sagt „Hatten wir n Unfall? Bin wohl eingeschlafen?“ Hä? Da pennt der Fahrer ein, donnert ins Maisfeld und alle schlafen erstmal weiter? Von da an habe ich dann blöderweise auf Logikschnitzer geachtet (soll man nie tun!) und weitere entdeckt. Diese sind zwar nicht schlimmer als in vielen anderen Filmen, trüben aber etwas die realistische Anmutung. Zumindest wenn man es nicht schafft, in dieser Hinsicht ein Auge zuzudrücken.

Sehr spannend, dicht und konsequent durchgezogen ist der Film aber allemal. Ob es sich bei „Green Room“ um einen Thriller (Fokus auf Spannung) oder einen Horrorfilm (Fokus auf Angst, Verstörung, Ekel) ist, ist eine interessante Frage. Ich entscheide mich für Horrorthriller, und empfehle den Film allen, die sich in Zeiten ungehemmter auftretender Neonazis einen so packenden wie heftigen Film zu dieser Thematik zumuten wollen und können. Ach so, für die entsprechende Zielgruppe bietet der Film auch wirklich coole Musik! 

 

Trivia: Jeremy Saulnier hatte mit seinem Vorgänger-Film „Blue Ruin“ zu seiner eigenen Überraschung Erfolg an den Kinokassen und bei der Kritik. Anstatt aber einen der Stoffe zu verfilmen, die Produzenten aus Hollywood ihm nun anboten, wollte er einen harten Genre-Film mit Independent-Attitüde auf Basis seiner persönlichen Interessen drehen. „Green Room“ wurde ein Flop und spielte bei einem Budget von 5 Millionen Dollar nur 3,8 Millionen Dollar ein.

 

Einige Ideen für den Film in Bezug auf Persönlichkeitsmerkmale der Figuren oder Geschichten, die sie erzählen, entlehnte Saulnier aus seinem eigenen Leben als Punkfan, oder aus dem seiner Freunde. Eine andere Inspiration für den Regisseur war der Film „Wer Gewalt sät“ aus dem Jahr 1971.

 

Patrick Stewart erzählte in einem Interview, dass er nach dem Lesen des Skripts so aufgewühlt war, dass er erst mal das Sicherheitssystem seines Hauses auf dem englischen Land aktivierte und sich einen Scotch eingoss. In dem Moment war ihm klar, dass er Darcy Banker spielen wollte, um sich selbst herauszufordern.

 

Im Film werden mehrfach rote Schnürsenkel erwähnt. Mit diesen hat es folgende Bewandtnis: Nazi-Skins erhalten rote Schnürsenkel, wenn sie für ihre Bewegung Blut vergossen haben.     

 

IMDB: 7 von 10

Letterboxd-Rating: 3.6 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4 von 5

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Kommentare: 2
  • #1

    Steffelowski (Dienstag, 11 März 2025 11:25)

    Schöne Besprechung, macht (erneut) Lust auf den Film. Patrick Stewarts Darstellung hat mich komplett umgehauen. Ich kannte ihn davor nur als den ruhigen, stets um Ausgleich bemühten Captain Picard aus Star Trek - TNG.
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  • #2

    Anselm (Freitag, 14 März 2025 10:20)

    Ja, ich finde auch, dass man den Film öfter sehen kann. Vielleicht sehe ich beim nächsten Mal Patrick Stewart auch mit anderen Augen.