Frankenstein als schwarzes Ghetto-Mädchen

• USA 2023
• Regie: Bonami J. Story
• Laufzeit: 91 Minuten
Handlung: Die 17-jährige Vicaria lebt in einem Schwarzen-Ghetto, das von Armut und Gangkriminalität gezeichnet ist. Erst verliert sie ihre Mutter, dann auch ihren älteren Bruder Chris, der von einer rivalisierenden Gang erschossen wird. Vicaria ist hochintelligent, wissenschaftlich interessiert und glaubt, dass der Tod eine Krankheit ist, die man heilen kann. Und tatsächlich gelingt es ihr, ihren toten Bruder wiederzubeleben. Allerdings mit fatalen Folgen.
Besprechung: Es gibt einige interessante Interpretationen des Frankenstein-Stoffs, die von rustikalen Komödien wie „Frankenhooker“ (1990) über nicht ganz gelungene Blaxploitation („Blackenstein“, 1973) bis zu psychologisch aufwühlenden Neuinterpretationen wie „Depraved“ (2019) reichen. Das Regiedebüt von Bomani J. Story nun findet einen eigenen Ansatz: Statt einem mittelalten, weißen Mann, ist es hier eine junge, schwarze Frau, die den Tod nicht akzeptieren will und ihm mit wissenschaftlichen Methoden beizukommen sucht. Das von Gang- und Polizeigewalt dominierte Viertel, in dem Vicaria lebt, passt so gar nicht zu ihrem neugierigen Wesen und ihrem großen intellektuellen Potenzial. Ein Nachbarsmädchen fragt sie einmal: „Bist du so klug, weil du auf eine weiße Schule gehst?“ Und Vicaria antwortet selbstbewusst: „Die weiße Schule ist so klug, weil ich da hin gehe.“
Laya DeLeon Hayes spielt die jugendliche Frankenstein-Nachfahrin sympathisch und facettenreich. Ihr Charisma hat mich gleich in den Film reingezogen, der darüber hinaus eine angenehme Farbwelt hat und das Ghetto-Leben weder dramatisiert noch romantisiert darstellt. Auch die anderen Darsteller*innen in Bomani J. Storys Regiedebüt haben mich überzeugt. Ein weiteres Plus sind die praktischen Effekte, die teils ganz schön saftig daherkommen und neben ein paar unheimlichen, atmosphärischen und spannungsgeladenen Szenen dazu beitragen, dass sich der Film durchaus als Horrorfilm bezeichnen lässt. Ein typischer Vertreter des Genres ist er allerdings nicht, denn die Dramaelemente sind mindestens gleichwertig. Dazu kommt das Interesse des Regisseurs und Drehbuchautors an einer Botschaft: Die Schwarzen sollten sich die verzerrende Geschichtsschreibung der Weißen nicht zu eigen machen, sondern ihre Geschichte erzählen.
Leider konnte mich der Film trotz seiner Stärken nicht wirklich fesseln. Schuld daran sind in meinen Augen weniger die teils kitschige Musik und etwas lästige schnelle Schnitte, sondern wieder einmal das Drehbuch. Die Beziehung von Vicaria zu ihrem Geschöpf ist unklar und sprunghaft. Vor allem weiß ich als Zuschauer nicht, ob das „Monster“ auch ihr gefährlich werden könnte und warum sie nicht versucht, Kontakt mit ihm herzustellen. Als Vicaria, die meist schreiend vorm wiedererweckten Chris wegläuft, schließlich erzählt, die Weißen hätten ihn zum Monster gemacht, ist das nicht glaubwürdig. Sie hat ihn „wiedererweckt“, schwarze Gangmitglieder hatten ihn vorher zu einem Auftragsmord geschickt, wobei er bei dem Versuch von anderen Schwarzen erschossen wurde. Was die Weißen damit zu tun haben, bekommen wir in dem Film nicht gezeigt, sondern müssen es uns irgendwie denken.
Das ist wirklich schade, denn handwerklich und darstellerisch ist das ein wirklich beachtliches Independent-Regiedebüt mit einer interessanten Grundprämisse und einigen starken Szenen. Es bleibt aber der Eindruck, dass erzählerisch hier deutlich mehr drin gewesen wäre.
Trivia: Wie in der Romanvorlage von Mary Shelley lernt das „Monster“ sprechen, in dem es durch ein Loch in der Wand (s)einer Familie zuhört. Obendrein bringt ihm aber auch das kleine Nachbarsmädchen das Sprechen bei.
Am Ende zitiert eine Freundin Vicarias die berühmten Zeilen aus „Frankenstein“ von 1931: „It’s alive, alive!“
Die einzige weiße Person im Film ist eine unsympathische Lehrerin, die sich nach dem europäischen Nachnamen von Vicaria erkundigt. Wir erfahren, dass es ein deutscher Name ist, der mit „F“ beginnt. Möglicherweise also „Frankenstein“.
Bei den 55. NAACP Image Awards wurde „The Angry Black Girl and Her Monster“ für die Kategorie „Outstanding Independent Motion Picture“ nominiert. Hauptdarstellerin Laya DeLeon Hayes erhielt eine Nominierung für „Outstanding Breakthrough Performance in a Motion Picture“.
IMDB: 5.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3 von 5
Neft-Rating: 3 von 5
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