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Frankensteins Braut

Frühe und großartige Horrorkomödie

 USA 1935    

 Regie: James Whale                        

 Laufzeit: 75 Minuten

 

Handlung: Im Prolog offenbart uns eine mit Percy Shelley und Lord Byron behaglich am Kaminfeuer plaudernde Mary Shelley höchstpersönlich, wie es nach Frankenstein (1931) weiterging. Frankenstein und sein Geschöpf sind NICHT in der Mühle umgekommen, sondern haben den Brand überlebt. Jetzt hat Doktor Frankenstein die Nase vom Leichen-Auferweckungs-Business zwar voll und will sich ganz seiner frisch angetrauten Elisabeth widmen, aber ein noch satanischerer Wissenschaftler namens Dr. Pretorius nötigt ihn dazu, seine Experimente wieder aufzunehmen.

 

Besprechung: Wie schon beim vier Jahre älteren Vorgänger muss man berücksichtigen, dass dieser Film fast 100 Jahre auf dem Buckel hat. Natürlich haben sich Schauspielgepflogenheiten, Tricktechnik, moralische Ansprüche an einen Film und Sehgewohnheiten seit damals deutlich verändert. Das Tabubrechende, Anarchische und teils auch Schockierende, das „Frankensteins Braut“ 1935 für das Publikum hatte, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Dennoch kann man auch als Filmfreundin des 21. Jahrhunderts noch viel Spaß mit dieser energiegeladenen, temporeichen und überraschenden Frankenstein-Adaption haben. Die Settings des komplett im Studio gedrehten Films sind zahlreicher und spektakulärer als in „Frankenstein“. Es gibt mehr Massenszenen, mehr Action, mehr Boris Karloff als Monster. Und es gibt diesmal deutlich mehr Humor, was den Film sehr speziell macht. Manchmal weiß man nicht: Ist es zeittypisches theatralisches Schauspiel oder schon bewusst überdrehter Camp? Teilweise scheint die Atmosphäre der „Rocky Horror Picture Show“ schon vorweggenommen. Zumindest bei mir führt dieses Gebaren der Figuren dazu, dass ich nur mit zweien davon sympathisieren kann: mit dem Eremiten und natürlich mit dem Monster, das hier noch viel rührender wirkt als im ersten Film mit Boris Karloff. Ein missverstandener Außenseiter im Körper eines bärenstarken Monstrums und mit dem Herzen eines wild aufgewachsenen Kindes. Und ich vermute, dass Regisseur Whale diese Sympathieverlagerung von der bürgerlichen und adeligen Gesellschaft hin zu den Außenseitern – Monster, Eremit, eine kleine Gruppe von (wahrscheinlich) Sinti – bewusst angestrebt hat. Alle anderen Charaktere werden als überspannt, irre, leicht zu manipulieren, zur Lynchjustiz neigend oder machtgeil und durchtrieben dargestellt, wenn man einmal von Frankensteins Gemahlin Elisabeth absieht. Diese wird hier übrigens nicht mehr von Mae Clark, sondern von Valerie Hobson gespielt, die überzeugend ist, mir aber nicht ganz so gefällt wie die ernstere Clark. 

 

Besonders deutlich wird die gesellschaftskritische Haltung des Films, als Pretorius einem verblüfften Frankenstein selbstgeschaffene Miniaturmenschen (Homunculi) in Gläsern präsentiert, die als König und Königin oder als Bischof angezogen sind. Der verrückte Wissenschaftler schüttelt die Repräsentanten der Herrschaft lustig in ihren Gläschen herum, Witzfiguren in den Händen der bösartigen Intelligenz. 

 

Die titelgebende Braut kommt im Film erst sehr spät ins Spiel und hat nur wenig Bildschirmzeit. Dabei ist Elsa Lanchester – die im Film übrigens auch die Mary Shelley am Anfang spielt – in ihrem Make-up und Kostüm eine Wucht. Zudem gerät ihre Schöpfungsszene spektakulärer als die des Monsters im Vorgängerfilm. Sie zählt zusammen mit dem Auftreten der „Braut“ und ihrer ikonischen Frisur zu den Glanzlichtern eines Films, der viele tolle Sequenzen in seine kurze Laufzeit packt und zu Recht als Klassiker gilt – vorausgesetzt, dass man sich auf die eigenwillige Tonalität des Films einlassen kann.  

 

Trivia: Diesmal spricht das Monster, obwohl sich Boris Karloff vehement dagegen aussprach. Auch wurde sein Make-up modifiziert und zeigt nun Brandnarben wegen des Feuers in der Mühle. Karloff verlor während des Drehs zehn Kilogramm durch das Tragen des schweren, schweißtreibenden Kostüms und des Make-ups. Die „Frankenstein-Diät“.

 

1934 wurde in den USA der sogenannte Hays Code verpflichtend. Dabei handelte es sich um Richtlinien in Bezug auf „moralische Darstellung“, an die sich Filmemacher zu halten hatten. Als Maßstab für die Beurteilung galt die „gesunde und erbauliche Geisteshaltung des Durchschnittsbürgers“. Diesem „Code“ fielen einige Szenen von „Frankensteins Braut“ zum Opfer. Leider ist die ursprüngliche, mindestens zwölf Minuten längere Version nicht mehr erhalten. Diese enthielt nicht nur mehr Gewalt- und Liebesszenen, sondern auch religiöse Anspielungen. So flüchtet Frankensteins Monster in der Originalversion über einen Friedhof, erkennt in der Figur eines lebensgroßen, gekreuzigten Jesus einen Leidensgenossen und versucht, ihn vom Kreuz zu befreien. Auch nannte ursprünglich Pretorius die Bibel ein „Märchenbuch“. Außerdem wurde im Prolog ein Satz entfernt, in dem Mary Shelley über die unbürgerliche Sexualität von ihr, ihrem Mann Percy und dem berüchtigten Lord Byron spricht: „We are all three infidels, scoffers at all marriage ties, believing only in living freely and fully."

 

Sowohl Frankensteindarsteller Colin Clive als auch Kameramann John Mescall waren während der Dreharbeiten zu „Frankensteins Braut“ schwere Alkoholiker. Regisseur Whale hielt allerdings an beiden fest. Mescall leistete immer noch großartige Arbeit (und das sehr schnell, weil er weitersaufen wollte). Und Colin Clive hatte genau jene manische Energie, die Whale bei seiner Frankensteinfigur haben wollte. 

 

„Frankensteins Braut“ ist ein mehrdeutiger Titel. Strenggenommen müsste man darunter Elisabeth verstehen, aber natürlich denkt man an die Braut, die Frankenstein für sein männliches Monster erschafft. Im Titel verschwimmt die Grenze zwischen Schöpfer und Geschöpf, was später in der Populärkultur immer wieder mal begegnet: „Frankenstein“ wird manchmal Synonym für „Frankensteins Monster“ verwendet. Zum Beispiel auch in Filmtiteln wie „Teenage Frankenstein“.    

 

IMDB: 7.8 von 10

Letterboxd-Rating: 4 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4.5 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Es gibt viele Analysen zu dem Film und sein queerer Subtext wurde schon oft verhandelt. Darüber lässt sich hier und hier und etwas ausführlicher auch hier etwas lesen. James Whales Homosexualität war in Hollywood ein offenes Geheimnis, musste ansonsten aber in den damaligen USA j geheim gehalten werden. Sie sensibilisierte ihn sicher für das Außenseitergefühl einer „andersartigen“ Sexualität und trug dazu bei, dass sich durch seine Frankensteinfilme bis heute LGBTQ+ repräsentiert sehen und verstanden fühlen. Vor allem durch „Frankensteins Braut“. Da zu diesem Thema aber schon sehr viel geschrieben wurde, möchte ich hier auf ein anderes Phänomen eingehen: Die große Relevanz, die der „mad scientist“ oder noch allgemeiner „die Gefahren durch Wissenschaft“ für das Horrorgenre haben.

 

Andrew Tudor schreibt in seinem lesenswerten Buch „Monsters and Mad Scientists: A Cultural History oft he Horror Movie“ aus dem Jahr 1989: „The belief that science is dangerous is as central to the horror movie as is a belief in the malevolent inclinations of ghosts, ghouls, vampires and zombies.“ Diese zunächst steil wirkende These von der zentralen Bedeutung der „gefährlichen Wissenschaft“ für den Horrorfilm belegt Tudor auf Seite 133 seines Buches mit Zahlen. Von 990 Horrorfilmen, die zwischen 1931 und 1984 in Großbritannien in den Kinos liefen, war in 264 Wissenschaft die Ursache für etwas Bedrohliches und Monströses. In 169 dieser Filme tauchte sogar die Figur des „mad scientist“ auf, also eines Wissenschaftlers, dem Moral, Gesetz und Religion angesichts seines Forscherdrangs nicht viel bedeuten. Tatsächlich fallen einem dann nach und nach Beispiele ein. „Die Insel des Dr. Moreau“ etwa, oder die Godzillafilme, oder „Tarantula“, „Formicula“, „Die Fliege“ und der Romero-Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten.“ Natürlich muss man hier auch „Re-Animator“ (1985) und seine Nachfolger nennen, und auch Filme wie Alien (1979), „Mimic“ (1997) und „28 Days Later“ (2002). Jüngere Beispiele für Filme, in denen Wissenschaft üble Resultate erzielt sind „Der Nebel“ (2007), „The Human Centipede“ (2009), , „M3GAN“ (2022), „Cuckoo“ (2024) und „The Substance“ (2024).

 

Eine kleine Übersicht über die Evolution des „mad scientist“ im Horrorkino findet sich hier, ein längeres, interessantes Essay hier und eine Liste mit „mad scientist“ Filmen hier.

 

 

 

 

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