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Mary Shelley’s Frankenstein

Eine filmische Totgeburt 

 USA, Japan 1994

 Regie: Kenneth Branagh                        

 Laufzeit: 123 Minuten

 

Handlung: Nachdem seine geliebte Mutter im Kindbett gestorben ist, schwört sich Victor Frankenstein, dem Tod mit wissenschaftlichen Mitteln die Stirn zu bieten. Beim Studium der Medizin in Ingolstadt trifft er auf einen unorthodoxen Forscher und kommt dem Geheimnis auf die Spur, wie man Tote wieder lebendig machen kann.

 

Besprechung: Dieser 45-Millionen teure Hollywood-Film mit Starbesetzung ist in meinen Augen ein einziges Desaster. Ich finde Kenneth Branagh und seine Shakespeare-Verfilmungen Klasse, bin Fan von Robert de Niro und sehe auch Helen Bonham Carter und Tom Hulce gerne. Aber hier stimmt nichts. Kenneth Branagh als besessener Wissenschaftler ist vollkommen unglaubwürdig und die Figur darüber hinaus auch noch schlecht geschrieben. Erst sieht es so aus, als ob ihm seine Liebe zu Elisabeth wichtiger wäre als sein Forscherdrang, dann kapselt er sich völlig von ihr ab, dann – nachdem er erfolgreich ein Geschöpf aus Leichenteilen zum Leben erweckt hat, lässt er das Monster links liegen und interessiert sich nur noch für seine Geliebte. Wie alle in diesem Film gibt er sich pathetisch, was in Hinblick auf seinen Stand Ende des 18. Jahrhunderts in Westeuropa einigermaßen realistisch gewesen sein mag, aber zum einen nach besser geschriebenen Dialogen verlangt hätte und zum anderen in einem Frankensteinfilm einfach nervt. Ich will keine Jünglinge mit wallendem Haar sehen, die leidenschaftlich irgendwelche Professoren über Paracelsus volllabern wie ein Hippie im ersten Semester. Ich will Peter Cushing, der mit schmalen Lippen und fokussiertem Blick eine Leiche aufschneidet, um Wissenschaft um der Wissenschaft willen zu betrieben. Nicht, weil Mama gestorben ist.

 

Klar, Kenneth Branaghs Verfilmung ist tatsächlich etwas näher an der großartigen Romanvorlage von Mary Shelley aus dem Jahr 1818, aber da die verwickelte Handlung des Buches, in dem manche Entwicklungen viel Zeit einnehmen, hier auf zwei Stunden eingedampft werden, bleibt die Psychologie der Figuren auf der Strecke und es bleiben oberflächliche Gestalten, die umso inbrünstiger Emotionen behaupten, die ich zu keiner Zeit nachempfinden kann. Als dann auch noch Tom Hulce („Amadeus“) als Medizinstudent in Ingolstadt auftaucht und fast so aussieht wie in seiner Verkörperung von Mozart, kippt der Film endgültig ins ungewollt Alberne. Emotional uninvolviert wie ich beim Gucken war, fielen mir dann auch etliche Logikschnitzer und Dialogpeinlichkeiten auf. So scheint die in Ingolstadt ausbrechende Choleraepidemie einerseits eine gewaltige Bedrohung und andererseits völlig egal zu sein. Dazu gibt es fragwürdige Schnitte und einen nervend pathetischen Score, der oft völlig unpassend über die Szenen gekleistert wird. 

 

Frankensteins Monster wird aus einem renitenten Impfgegner hergestellt, ist aber zugleich aus unerfindlichen Gründen aus mehreren Leichenteilen zusammengenäht. Robert de Niro macht das wirklich gut und sieht auch eindrucksvoll aus, trotzdem ist auch seine Figur schlecht geschrieben, verhält sich viel zu sprunghaft und muss pathetische Zeilen wie „Ich werde mich rächen“ oder „Wir treffen uns im Meer aus Eis“ sagen. Phasenweise wirkt der Film dabei wie die Aufführung eines Frankenstein-Theaterstücks an der örtlichen Waldorfschule. 

Die Schöpfungsszene ist eindrucksvoll inszeniert, aber auch zu effektheischend und überdreht. Außerdem läuft Kenneth Branagh hier, wie in vielen Szenen des Films, mit nacktem Oberkörper herum, und man fragt sich, ob er darauf gebrannt hat, seine Erfolge bei McFit mit uns Zuschauern zu teilen. 

 

Interpretatorisch kann sich der Film auf keinen Fokus einigen. Was uns hier im Kern erzählt werden soll, bleibt unklar. Am ehesten lässt sich, aufgrund der Rahmenhandlung mit dem Kapitän, folgende Überlegung aus dem Film destillieren: Man sollte für seinen Entdecker- und Forschergeist nicht über Leichen gehen, sondern sich seine Menschlichkeit bewahren. Ooooo-kay!

 

Eins muss ich dem “Mary Shelley’s Frankenstein“ allerdings lassen: Obwohl der Film mehr Drama, Historienfilm und Branagh-Oberkörper-Schau als Horrorfilm ist, zum Ende hin wird es einmal richtig fies. Dann nämlich, als Frankenstein seine vom Monster ermordete Elisabeth wiedererweckt. Hier gelingen dem Film zum Ende hin unverhofft ein paar Minuten echten Horrors. Schade, dass sich die Macher nicht konsequent für diese Richtung entschieden haben.  

 

Trivia: Das Originaldrehbuch zu dem Film stammt von Steph Lady, der es an Francis Ford Coppolas Firma „American Zoetrope“ verkaufte. Ursprünglich wollte Coppolla nach seinem großen Erfolg mit „Bram Stoker’s Dracula“ (1992) auch diese Frankenstein-Adaption drehen, entschied sich dann aber, nur als Executive Producer mitzuwirken und Kenneth Branagh die Regie zu überlassen. Später bereute Coppola die Entscheidung, da er während der Produktion etliche Differenzen mit Branagh hatte. So wollte Coppola beispielsweise die erste halbe Stunde des Films rauskürzen, was Branagh untersagte.

 

Es gab eine Phase der Planung zu dem Film, in der Tim Burton Regie führen und Arnold Schwarzenegger das Monster spielen sollte. Auch Gérard Depardieu wurde als „Frankensteins Geschöpf“ in Betracht gezogen. 

 

Kenneth Branagh sagte in einem Interview, dass ihn vieles an dem Stoff an ein Shakespeare-Drama wie Hamlet erinnere und seine Verfilmung im Kern eine Familientragödie sei. Frankenstein sei der Anti-Hamlet, der dessen Philosophie des Todes eine Aktivität für das Leben entgegenstelle, dabei aber auch nicht glücklich werde. 

 

Um zu verstehen, wie jemand spricht, der es gerade mühsam wieder lernen muss, studierte Robert de Niro Schlaganfallpatienten. 

 

Während der Dreharbeiten verliebte sich der damals mit Emma Thompson verheiratete Kenneth Branagh in Helena Bonham Carter. Nach der Scheidung von Thompson hatten Branagh und Carter mehrere Jahre lang eine Beziehung. Branagh hatte ursprünglich gewollt, dass Thompson die Rolle der Elisabeth im Film spielen sollte, aber die hatte ein anderes Projekt, das ihr wichtiger war: „Carrington – Liebe bis in den Tod“ (1995).

Der Film enthält einige Referenzen auf frühere Frankenstein-Adaptionen. Nerds können sich so beim Ansehen des – in meinen Augen – miserablen Films, immerhin ganz gut die Zeit vertreiben.   

 

IMDB: 6.3 von 10

Letterboxd-Rating: 2.9 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 1.5 von 5

 

 

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