Bahnbrechender Horror-Klassiker

• Großbritannien 1931
• Regie: James Whale
• Laufzeit: 70 Minuten
Handlung: Henry Frankenstein ist mit Elisabeth verlobt, hat aber keine Zeit für sie. Tag und Nacht werkelt er in einem entlegenen alten Wachturm mit Hilfe seines Dieners Fritz an Leichenteilen herum und versucht, ein selbstgebasteltes Geschöpf zum Leben zu erwecken. Wie wir wissen, gelingt ihm das, aber glücklich ist er dann auch nicht.
Besprechung: Dies ist wohl einer der berühmtesten Horrorfilme überhaupt und jedes Kind stellt sich Frankensteins Geschöpf bis heute in etwa so vor, wie es im Film von Boris Karloff verkörpert wird. Tatsächlich ist der Film bis heute sehenswert, auch wenn er aus einer Zeit stammt, in der noch statischer und theaternäher inszeniert wurde, und auch das Pathos der Darsteller*innen noch ans Overacting der Stummfilmära erinnerte. Aber hier kommen die Figuren bis heute ziemlich gut rüber: Der manische Frankenstein, der fiese Diener Fritz, die sympathische Elisabeth und natürlich – das Monster. Alle auf ihre Weise zeitlos. Dazu kommt die grandiose Kulisse des alten Wachturms, der durch seine Höhe eine Art Verlorenheitsgefühl erzeugt. Das Laboratorium darin wirkt gleichzeitig wie eine mittelalterliche Alchemistenküche und eine sonderbar entrückte Raumstation aus der Zukunft. Und wie Karloff es schafft unter den ganzen Make-up-Schichten derart viele Emotionen beim Zuschauer zu erzeugen, ist bis heute eindrucksvoll. Auch gibt es Szenen, die nach wie vor gut funktionieren. Zum Beispiel der so berührende wie verstörende Moment als Frankensteins Geschöpf mit einem kleinen Mädchen Blumen ins Wasser wirft. Oder auch die lange Plansequenz, in der der Vater mit dem nun toten Mädchen durch die Gassen einer Stadt geht, in der gerade ein Volksfest gefeiert wird. Auch das Finale in der Mühle ist großartig. Es kommt weitgehend ohne Musik aus, wirkt gleichzeitig naturalistisch und doch wie aus einem Fiebertraum.
Manchmal wirkt der Film aus heutiger Sicht natürlich auch etwas lustig, und ein oder zwei dramaturgische Entscheidungen finde ich etwas fragwürdig. So halte ich es zum Beispiel für extrem unglaubwürdig, dass Frankenstein sein neugeschaffenes Wesen sehr bald einem eher fremden Arzt anvertraut und die beiden allein lässt. Auch wundert mich, dass der Schöpfungsakt selbst, nicht pompöser und mit einem eindrucksvolleren Abschluss umgesetzt worden ist.
Alles in allem ist das aber ein sehr stark gemachter auf einem starken Stoff basierender Film, der seiner Zeit voraus war und sich zurecht ins kollektive Unbewusste der Menschheit eingebrannt hat.
Obwohl es sich wirklich um einen zeitlosen Klassiker mit großer Wirkung aufs Horrorkino handelte, habe ich ihm nur vier von fünf Sternen gegeben. Das liegt daran, dass ich mitbedenke, wieviel Freude ich heutzutage beim Gucken des Films habe.
Trivia: Das Design des Monsters geht auf die Kappe des Make-up-Artisten Jack P. Pierce und ist von Universal per Copyright bis Ende 2026 rechtlich geschützt. Die elektrischen Trickeffekte wiederum verantwortete Ken Strickfaden.
Boris Karloff (eigentlich William Henry Pratt) wurde durch seine Rolle als Frankensteinmonster international bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 44 Jahre alt. Ursprünglich sollte der damals bereits bekanntere Bela Lugosi das Monster spielen und erschien wohl auch zu einem Vorsprechen. Lugosi entschied sich allerdings gegen die Rolle, die ihm zu stumpf vorkam. Er hatte allerdings genau wie der ursprünglich vorgesehene Regisseur Robert Florey das Drehbuch von James Whale nicht gelesen. Für Florey und Lugosi war das Monster nur eine grunzende, hirnlose Tötungsmaschine, während Whale darin eine verletzliche, missverstandene Kreatur sah. Etwas, das den Film bis heute stark macht.
Im Roman heißt der sich zum Schöpfergott aufschwingende Wissenschaftler Viktor Frankenstein, aber die Universal Studios benannten ihn in Henry um. Sie glaubten, in amerikanischen Ohren klinge „Viktor“ zu streng und unfreundlich.
Bei seiner Uraufführung in den Kinos war der Film in manchen Ländern zensiert und es fehlten zwei Szenen. Zum einen gab es eine Szene, in der Colin Clive als Dr. Frankenstein sich beim Erwecken des Monsters mit Gott vergleicht, zum anderen die oben erwähnte Szene mit dem Mädchen und den Blumen. Gerade letztere ist aber wichtig, um zu erkennen, dass es sich bei dem Geschöpf nicht um eine gefühllose Tötungsmaschine handelt.
Der Film wurde 1931 nicht als Horrorfilm angesehen, da der Begriff „Horror“ für Filme erst 1934 gebräuchlich wurde.
IMDB: 7.8 von 10
Letterboxd-Rating: 3.8 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Der Film hat verschiedene interessante Aspekte. Einer davon ist die Debatte über „nature“ versus „nurture“, also die Frage, ob ein Mensch vor allem durch seine Gene geprägt wird, oder durch das Umfeld, in dem er aufwächst. Früh im Film stiehlt der bucklige Fritz auf Geheiß von Henry Frankenstein ein menschliches Gehirn aus der Universität. Da ihm das „normale“ Gehirn eines intelligenten Menschen blöderweise runterfällt, nimmt er eben das zum Vergleich daneben aufgestellte „anormale“ Gehirn eines Gewaltverbrechers. Genau dieses Hirn wird schließlich in das Monster eingepflanzt, bevor es durch Blitze zum Leben erweckt wird. In den 1930ern war die Auffassung weit verbreitet, dass ein mieser Charakter auf miese Biochemie zurückzuführen ist, die erblich ist. Das Menschenbild war allgemein recht biologistisch, was seine unangenehmste Entsprechung in wissenschaftlichen Versuchen fand, den Wert oder Unwert von „Rassen“ zu bestimmen. So wurde die Phrase „nature versus nurture“ in ihrer modernen Bedeutung durch den viktorianischen Gelehrten Francis Galton popularisiert. Galton gilt als Begründer der modernen „Eugenik“, also einer Lehre, die die Verbesserung des menschlichen Genpools anstrebte. Zum Beispiel dadurch, dass man es „minderwertigen Menschen“ erschwerte, sich fortzupflanzen und „hochstehende Vertreter“ besonders ermunterte. Diese Auffassung war quer durch die politischen Lager populär und breitete sich von England in die USA, nach Kanada und Australien aus, bevor auch europäische Länder wie Deutschland und Schweden vom eugenischen Trend erfasst wurden.
Der Film scheint nun zuerst voll in diese Kerbe zu hauen, in dem er einen Professor über die Unterschiede des normalen und des anormalen Gehirns referieren lässt und wir denken: Eijeijei, jetzt hat Fritz auch noch das Verbrechergehirn erwischt! Allerdings zeigt sich später im Film, dass das Monster eben nicht von Anfang an „böse“ ist. Es ist eindeutig die schlechte Behandlung durch Fritz, die das eigentlich unschuldige und eher kindlich-tierische Geschöpf aggressiv macht. Fritz wiederum quält das Monster sadistisch mit einer Fackel, vermutlich weil der missgestaltete Diener froh ist, einmal jemand unter sich zu haben, an dem er seinen Frust auslassen kann. So gelingt dem Film ein ziemlich intelligenter Kommentar zur „nature versus nurture“ Debatte. Fritz ist von Natus aus verkrüppelt. Dass er deswegen aber von der Gesellschaft schlecht behandelt wird oder sich selbst als minderwertig ansieht, ist kein Naturgesetz, sondern eine gesellschaftliche Vereinbarung. Und dass Fritz das Frankensteinmonster quält, ist eine persönliche Entscheidung, die der unzufriedene Bucklige trifft. Das Monster nun reagiert einfach auf das, was es in der Welt vorfindet. Greift man es an, verteidigt es sich. Will man es einsperren, versucht es, sich zu befreien. Und wenn ein kleines Mädchen freundlich und ohne Arg mit ihm spielen will, rührt sich die freundliche und verspielte Seite des Monsters. Das Tragische ist nur: Frankensteins Geschöpf ist ein kleines, völlig unwissendes Kind ohne Anleitung durch Eltern und im Körper eines kräftigen Kolosses. Es versteht nicht, was es anrichtet, als es das kleine Mädchen wie eine Blume ins Wasser wirft. Und es erschreckt sich, als es sieht, dass es einen Fehler gemacht hat.
Die Debatte um „nature“ versus „nurture“ wird heute nicht mehr schwarz-weiß bzw. nach einem Entweder-oder-Schema geführt. Vielmehr gehen Wissenschaftler*innen der verschiedenen Disziplinen von eng verzahnten Wechselwirkungen zwischen genetischer Prädisposition und Umweltreizen aus. Dennoch wird das Menschenbild der Forschenden bis heute natürlich stark davon beeinflusst, worauf der jeweilige Forschungsfokus gerichtet wird. So dachte man bis in die 2000er hinein, dass die „Entschlüsselung des menschlichen Genoms“, also aller in einer Zelle enthaltenen Erbinformationen, ungeahnte Möglichkeiten mit sich bringen würde, den Menschen zu verstehen und vor allem Krankheiten positiv zu beeinflussen. Mittlerweile ist von dieser Aufbruchstimmung nicht mehr viel übriggeblieben, auch wenn dem „Human Genom Project“ gewisse Erfolge und Wirkungen beschieden gewesen sind. In wiederkehrenden Wellen regt sich starker Widerstand aus Sozial- oder anderen Geisteswissenschaften gegen eine „zu biologistische“ Sichtweise auf den Menschen. Aber auch Evolutionsbiologen konnten sich kritisch äußern, zum Beispiel in dem 1984 erschienen Buch Not in Our Genes: Biology, Ideology and Human Nature von Leon Kamin (Psychologe), Richard Lewontin (Evolutionsgenetiker) und Steven Rose (Neurobiologe).
In einem lockeren Gespräch demonstriert ein Artikel aus „Spektrum der Wissenschaft“ ein paar der Schwierigkeiten in der „nature versus nurture“-Debatte und legt nahe, dass wir in Hinblick auf unsere Prägung bis heute mehr Fragen haben als Antworten. Aber gute Fragen zu stellen, ist ja in der Wissenschaft eine Menge wert.
Kommentar schreiben