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Frankensteins Fluch

Hammer’s nüchterne Neuauflage

 Großbritannien 1957    

 Regie: Terence Fisher                        

 Laufzeit: 83 Minuten

 

Handlung: Baron Viktor von Frankenstein hat das Geld, die Zeit und den Esprit, um im Dachgeschoss seines Anwesens ungewöhnliche Experimente zu betreiben. Unterstützt von seinem ehemaligen Lehrmeister Paul Krempe erweckt er nicht nur tote Tiere zum Leben, sondern plant auch das Erschaffen eines Übermenschen, ohne dass Frauen für diese „Geburt“ benötigt werden.

 

Besprechung: Heute kann man es sich nur sehr schwer vorstellen – aber als der Film damals zunächst in England in die Kinos kam, sorgte er für Empörung. In den Kritiken stand zu lesen, dass man hier abstoßende und nicht gruselige Leichenfledderei zu sehen bekomme, dass der Film deprimierend und erniedrigend für jeden sei, der das Kino liebe und es schwerfalle, dass Kino angesichts solcher Produktionen gegen seine Kritiker zu verteidigen. Heute – zahllose Zombiefilme- und -serien später – ist es kaum möglich, sich in den Geist der damaligen Zeit hineinzuversetzen. Die Adaption des Frankenstein-Stoffes durch die legendären Hammer-Studios wirkt heute wie ein FSK-12-Film, der am Sonntagnachmittag unbeachtet von der Jugend über den Bildschirm flackern könnte. Wenn Grausamkeiten überhaupt zu sehen sind, dann kurz und zurückhaltend inszeniert. 

 

Trotzdem hat der Film einen bösartigen Vibe, eine finstere Atmosphäre, eine irgendwie ungute Aura. Und das liegt sicher zu weiten Teilen an Peter Cushing, der hier einen Baron Frankenstein spielt, der deutlich monströser ist als sein Geschöpf. Eiskalt, berechnend, manipulativ, seine Privilegien jederzeit ausnutzend, ist die Hauptfigur des Films ein denkwürdig in Szene gesetzter Psychopath. Dazu passt, wie nüchtern und beiläufig sein Treiben in Szene gesetzt wird. Einmal trennt der Baron den Kopf einer Leiche ab und entsorgt ihn in einem Säurebad. Man sieht kaum etwas, aber doch genug, um zu verstehen, was vor sich geht. Gedreht ist das so, als ob Frankenstein ein Stück faules Obst aussortiert. Dieser Ansatz dürfte gerade Ende der 1950er eine beachtliche Wirkung erzielt haben und hat bis heute was. Stark ist auch, dass das Laboratorium und überhaupt das ganze Anwesen des Barons nicht so sehr glamourös, sondern eher zweckdienlich und nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten zusammengestellt wirken. Der „mad scientist“ ist hier kein romantischer Schwarmgeist in der Tradition mittelalterlicher Alchemisten und Nekromanten, sondern ein prosaischer Rationalist, ein schmallippiger Materialist, ein Dämon des aufgeklärten Zeitalters. 

 

Die Hammerstudios und Terence Fisher – ihr größter Regisseur – haben mit dem Film nach einem Drehbuch von Jimmy Sangster einen Nerv getroffen. „Frankensteins Fluch“ spielte rund das Siebzigfache seines schmalen Budgets ein. Dazu dürfte neben den „warnenden Kritiken“ auch Christopher Lee als Frankensteins Geschöpf beigetragen haben. Er hat zwar vergleichsweise wenig „screen time“, sieht aber wirklich spitze aus und lässt einen das ikonische Boris-Karloff-Monstrum mal vorübergehend vergessen. 

 

Wenn man dem Film etwas vorwerfen will, dann ist es sein Pacing. Er lässt sich vor allem in der ersten Hälfte viel Zeit und investiert auch in Szenen, die womöglich nicht nötig gewesen wären, zumindest nicht in der Länge. Auch ist die im Geiste der Zeit typisch pompöse Orchestermusik im Vorspann teils richtig stark, erreicht aber später selten Qualitäten abseits des Konventionellen. Dafür ist die Farbgebung (gedreht wurde in Eastmancolor) ein Genuss, nicht nur für Fans der alten Hammer-Filme.   

 

Trivia: Peter Cushing und Christopher Lee trafen sich erstmals persönlich am Set von „Frankensteins Fluch“. Eine Anekdote besagt, dass sich Lee bei Cushing darüber beschwerte, dass er keine Sprechrolle bekommen hatte. Cushing erwiderte: „Sei froh, ich habe das Skript gelesen!“ Das sei der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden großen Mimen gewesen.

 

Das Make-up für Frankensteins Geschöpf entwarf Maskenbilder Philip Leakey auf den letzten Drücker. Nach etlichen Fehlversuchen pappte er Lee einfach diverse Haushaltsmaterialien wie Baumwolle ins Gesicht.  

 

Dieser erste Frankensteinfilm in Farbe gilt etlichen Filmwissenschaftler*innen als bedeutsam für das Wiedererstarken des Horror-Genres in den späten 1950ern. Während des Zweiten Weltkriegs und danach war die Popularität von Horrorfilmen in Europa und den USA stark zurückgegangen.

 

Regisseur Guillermo del Torro, der Frankensteingeschichten liebt, nennt diesen Film einen seiner Lieblingsfilme.    

 

IMDB: 7.0 von 10

Letterboxd-Rating: 3.5 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 3.5 von 5

 

 

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