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Ring

Der berühmteste japanische Gruselfilm

 Japan 1998    

 Regie: Hideo Nakata                         

 Laufzeit: 96 Minuten

 

Handlung: Ein Videofilm scheint für eine Reihe plötzlicher Tode verantwortlich zu sein. Eine Journalistin versucht, herauszufinden, was es damit auf sich hat. Unterstützt wird sie dabei schließlich von ihrem Ex-Mann. Zusammen mit ihm kommt sie einem grausigen Geheimnis auf die Spur. 

 

Besprechung: Als ich diesen Film im Alter von 28 Jahren bei einem Freund auf Video gesehen habe, hielt ich mich bereits für rundum abgebrüht. Ich hatte nicht nur von „Der Exorzist“ über „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Shining“ alle gängigen Klassiker gesehen, sondern auch fiese, teilweise in Deutschland indizierte bis schwer erhältliche Filme wie „Funny Games“, „The New York Ripper“ oder „Cannibal Holocaust“. Dieser japanische Film aber hat meine über die Jahre antrainierten Horrorfilm-Bewältigungsstrategien unterlaufen und mir anhaltend Angst gemacht. Bis heute kann ich nicht genau sagen, woran es liegt. Ist es der geniale Score, der zwar manchmal recht offensiv eingesetzt wird, aber so stark, abgründig und abwechslungsreich ist, wie nur selten die Musik eines Horrorfilms? Ist es überhaupt die Tonspur mit ihren fiesen Geräuschen einer Brunnenwinde, verlangsamt abgespielten Stimmen oder Meeresrauschen? Ist es die Atmosphäre, die mühelos banalen Alltag und entrückte Traumwelt verbindet? Oder hat mich vor allem die verschachtelt wirkende aber eigentlich einfache Geschichte so gegruselt, die sich hier nach und nach entspinnt, ohne das viel erklärt wird?

 

Auch heute noch finde ich „Ring“ (oder „Ring – das Original“ wie er manchmal in Abgrenzung zum US-Remake von 2002 genannt wird) beeindruckend und zähle ihn zu den besten Gruselfilmen überhaupt. Es handelt sich um einen ruhig erzählten, zurückhaltenden Film, der womöglich mehr Mystery als Horror ist. Die Stärke liegt hier eindeutig, wie so oft, in dem, was nicht gezeigt und gesagt wird. In den Andeutungen, die meine Phantasie entzünden, bis sie sich von ganz allein zu den Orten begibt, die die größte Angst machen. Dennoch gibt es auch einige wenige Szenen, die etwas zeigen, und die waren so effektiv, dass sie das Horror-Genre weltweit beeinflusst haben.

 

Spannend finde ich auch die weibliche Hauptfigur Reiko, die nach der Trennung von ihrem Mann ihren kleinen Sohn allein erzieht, deswegen aber keineswegs ihre Karriere als Journalistin hinten anstellt. Vielmehr muss der sechsjährige Yoichi sich abends Essen in der Mikrowelle warmmachen und agiert manchmal bereits wie ein kleiner Erwachsener, zum Beispiel als er seiner wie üblich nicht pünktlich von der Arbeit kommenden Mutter ein Kleid für die Beerdigung ihrer Nichte bereits herausgelegt hat. Reiko wird dabei weder als schlechter Mensch noch als Ideal dargestellt: Es ist einfach so. Wenn man bedenkt, dass in Japan bis heute recht klassische Geschlechterrollen gesellschaftlich dominant sind, ist diese Darstellung einer jungen Mutter wirklich erstaunlich, und dürfte auch im heutigen Deutschland noch ambivalente Gefühle erzeugen. Genau wie der kleine Junge in seinem manchmal roboterhaften Ernst, oder der sich cool gebende Ex-Mann, dem man seine Verletztheit dennoch anmerkt. Wie normal es für einen japanischen Mann der 1998er ist, seiner Ex-Frau eine schallende Ohrfeige zu geben, um sie „zur Vernunft zu bringen“, oder als Dozent eine Affäre mit einer Studentin zu haben, lasse ich mal dahin gestellt. Zumindest wertet der Film auch hier nicht. Auch Ryuji ist weder ein Held noch ein Arschloch. Die Zuschauer können sich ihr eigenes Urteil bilden. 

 

Auch in Bezug auf das unheimliche Geschehen traut der Film dem Publikum eine eigene Haltung und genug Phantasie zu und muss nicht alles zu Ende erklären und emotional ausdeuten. Das Grauen in diesem Film ist einerseits uralt und ein Teil der (menschlichen) Natur, überträgt sich aber andererseits durch ein (damals) hochmodernes Massenmedium und ist schon zu Beginn des Films Teil einer urban legend. Auch ist es gleichermaßen individuell als auch systemisch, Ausdruck einer einzelnen gequälten Seele und eines ganzen verqueren Systems. Schließlich spiegeln sich Reikos Ambivalenz gegenüber ihrer Mutterschaft in ihrem Verhältnis zu Sadako, einer Figur, die so mitleid- wie grauenerregend ist und der Reihe weiblicher japanischer Spukgestalten eine neue hinzufügt. Und zwar eine, die international bekannt geworden ist und weltweit klar gemacht hat, dass Japan ein Land mit eigener, bemerkenswerter Horrortradition ist. Auch dafür sollte man dem großartigen „Ring“ dankbar sein.   

 

Trivia: Zur Zeit seiner Veröffentlichung war „Ring“ der finanziell erfolgreichste japanische Horrorfilm. Mit einem schmalen Budget von 1,5 Millionen – davon das Meiste vom Regisseur selbst finanziert – spielte er rund 20 Millionen ein.

 

Wie nicht wenige japanische Horrorfilme geht auch dieser auf eine literarische Vorlage zurück. Der Roman „The Ring“ von Kōji Suzuki erschien 1991. Zwischen Film und Buch existieren einige Unterschiede. Suzuki erklärte, dass er zu seinem Roman durch seinen Lieblingshorrorfilm „Poltergeist“ (1982) inspiriert worden sei.

 

Im Roman ist Sadako ein Zwitter mit rudimentären männlichen Fortpflanzungsorganen. Im Film auf ihre Repräsentation als intersexuell verzichtet.

 

Bei der alternativen Bezeichnung „Ringu“ handelt es sich um die lateinische Umschrift des in Katakana geschriebenen Originaltitels. Der wiederum geht auf das aus dem Englischen stammende Wort „ring“ zurück und kann sowohl den Kreislauf des Fluchs meinen als auch das Klingeln des Telefons als auch den Blick vom Grund des Brunnens nach oben.

 

2002 drehte Gore Verbinski mit „The Ring“ (auf Deutsch einfach nur „Ring“) ein deutlich teureres US-Remake mit Naomi Watts in der Hauptrolle. Diese Neuversion erhielt viel Aufmerksamkeit, spielte mehr als das Fünffache ein und löste einen Boom für US-Remakes aus dem asiatischen Raum aus. Unter Hopsys Gedanken notiere ich etwas mehr dazu.   

 

IMDB: 7.2 von 10

Letterboxd-Rating: 3.6 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 5 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN (Achtung: tendenziell Spoiler)

 

Das US-Remake war ein großer Erfolg und half dabei, gruselige Filme aus Japan international bekannt zu machen. Die Neuverfilmung ist ziemlich gelungen, orientiert sich inhaltlich eng am Original, bietet aber mehr Schauwerte, starke Kameraarbeit, coole Einstellungen und einen grünstichigen Farbfilter, der dem Film einen besonderen Look gibt. Entsprechend ist das verfluchte Video, das wir zusammen mit der weiblichen Hauptfigur – hier heißt sie Rachel – zu sehen bekommen, deutlich aufwändiger und enthält mehr verstörende Bilder als im Original. Auch gibt es später eindrucksvolle Szenen mit Pferden und etwas mehr Zeit für die Experimente, die mit Sadako (hier Samara) gemacht worden sind. Wo wir bei Samara sind: Sie hat eine andere, bodenständigere Hintergrundgeschichte als Sadako, und wird auch offensiver in Szene gesetzt.

 

Da der Film mit einem Budget von 48 Millionen Dollar auf ein großes Publikum abzielen musste, um Gewinn zu machen, wird hier vieles von dem, was im japanischen Original zurückhaltend angedeutet wird, ziemlich offensichtlich dargestellt: Rachel ist kein mütterlicher Typ, ihr Sohn ist für seine sechs Jahre viel zu erwachsen und viel zu viel allein, vor allem, da er offenbar auch noch das zweite Gesicht hat. Auch macht die Neufassung viel deutlicher, dass Fernsehapparate gleichzeitig Alltagsgegenstände und dämonische Medien zur Verbreitung uns unbekannter Flüche sind. Diese Deutlichkeit muss kein Nachteil sein, es ist schlicht Geschmackssache, ob man die ziemlich deutliche, teils übererklärende und 20 Minuten längere US-Fassung oder die zurückhaltende, stilistisch unauffälligere japanische Version besser genießen kann. Mir gefällt die japanische besser, was allerdings nicht allein an der lakonischen Erzählweise liegt, sondern noch an ein paar weiteren Punkten:

 

Die Musik im Remake ist gut, im Original ist sie großartig.

 Naomi Watts spielt ihre Rolle überzeugend, aber für meinen Geschmack zu offensiv. Auch ist sie zu schön, zu modelmäßig, um völlig glaubhaft wie ein Mensch aus Fleisch und Blut rüberzukommen.

 Ihr Ex-Mann (gespielt von Martin Henderson) wirkt auf mich unsympathisch, irgendwie etwas schmierig und arrogant. Und es herrscht keinerlei Chemie zwischen ihm und Rachel. Da war das Original in meinen Augen viel packender.

 Der kleine Sohn – hier heißt er Aidan und wird von David Dorfman gespielt –

wirkt überzeichnet und auch nicht besonders sympathisch. Auch seine Chemie mit der Mutter ist nicht so spürbar wie im Original. 

 Die eindrucksvolle Schlussszene ist im Original – trotz oder vielleicht auch wegen des geringen Budgets – insgesamt viel besser inszeniert.

 Die Geschichte passt besser nach Japan, schließlich geht sie auf japanische Legenden um die Onryo zurück, das sind (meist weibliche) Rachegeister, die sich manifestieren, nachdem ein Mensch in einem Zustand großer Wut gestorben ist. Das kann man natürlich etwas arg feingeistig finden, aber ich meine, dass Geister des japanischen Volksglaubens in einem in Japan spielenden Film glaubwürdiger wirken.

 

Eine spezielle Onryo-Geschichte rankt sich dabei um Okiku, den Geist einer gefolterten Frau, die aus einem Brunnen kommt. Dieser Brunnen soll sich in Japan übrigens in Himeji in der Nähe der Burg des weißen Reihers befinden. Auch sind Sadako und Shizuko an reale japanische Persönlichkeiten angelehnt. Was auch für den Professor gilt, der im echten Leben Fukurai Tomokichi hieß. Fukurai veröffentlichte 1931 ein Buch mit dem Titel „Hellsicht und Gedankenfotografie“ („Clairvoyance and Thoughtography“). Darin beschreibt er auch eine Fähigkeit namens „Nensha“. Angeblich können Menschen mit dieser Fähigkeit Bilder aus ihrem Geist auf materielle Gegenstände projizieren, sie also auf Oberflächen einbrennen. Dadurch können sie auch bei ihrem Gegenüber Alpträume und üble Visionen erzeugen. Oder – wie dann im Roman und im Film – Videobänder mit Inhalten aus ihrem Kopf bespielen. Noch viel ließe sich über diese Verschränkung von Tradition und Moderne im „Ring-Fluch“ und seine Bedeutung für die Reflexion des Mediums Film und moderner Internettechnologie sagen, aber für hier und heute will ich es gut sein lassen.

 

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