Bitterböse und einflussreiche Dystopie

• Japan 2000
• Regie: Kinji Fukasaku
• Laufzeit: 113 Minuten
Handlung: Japan in der nahen Zukunft. Da aus Regierungssicht die Jugend nichts mehr taugt, wurde ein geheimes Programm beschlossen. Dieser „Millenniums-Bildungsreform“ fällt auch die 9. Klasse einer Mittelschule zum Opfer, denn ihr angeblicher Schulausflug führt 42 Schüler*innen auf eine unbewohnte Insel, auf der sie durch Soldaten und explosionsfähige Bänder um ihren Hals dazu gezwungen werden, sich gegenseitig mit verschiedenen Waffen zu bekämpfen, bis nur noch einer oder eine übrig ist.
Besprechung: Zunächst soll geklärt werden, dass „Battle Royale“ kein Horrorfilm ist, aber unter vielen Horrorfans einen guten Ruf als kontrovers diskutiertes Metzeldrama hat. Und die Situation, in der die Schülerinnen und Schüler sich hier wiederfinden, kann durchaus als Horror bezeichnet werden, auch wenn der Film den emotionalen Schwerpunkt nicht auf Angst, Grauen und Ekel richtet. Vielmehr ist „Battle Royale“ ein schräger Mix aus dystopischem Teenager-Drama und satirischem Action-Thriller. Die provokante Wirkung, die der Film 2000 in Japan und weltweit gehabt hat, kann man heute nur noch teilweise nachvollziehen. Nachfolger wie "Die Tribute von Panem" oder "Squid Game" haben uns längst mit der fiesen Prämisse vertraut gemacht: (Jugendliche) Menschen werden dazu gezwungen, sich gegenseitig umzubringen, um selbst zu überleben. Das ist ein ziemlich beklemmendes Szenario und gibt dem knapp zweistündigen Film mit seinen über 40 Jugendlichen die Gelegenheit, jede Menge Szenen zu präsentieren, in denen Teenies um ihr Leben kämpfen, sich gegenseitig unterstützen oder eben verraten und hintergehen. Manche akzeptieren früh, die unmenschlichen Regeln, andere suchen nach gewaltlosen Alternativen oder setzen ihrem eigenen Leben ein Ende. Dabei fragt man sich auch immer wieder, wie man sich selbst in diesem Clusterfuck von einer Situation verhalten würde.
Auf jeden Fall ist in dem Film immer etwas los, aber allzu übersichtlich ist das nicht, auch wenn es zentrale Figuren gibt, an die man sich theoretisch emotional binden kann. Ob das auch praktisch gelingt, ist eine andere Sache, denn die darstellerischen Leistungen der Jugendlichen sind nicht gerade makellos und werden durch das in japanischen Augen vielleicht ganz normal wirkende "Overacting" und die tonalen Schwankungen des Films zusätzlich beeinträchtigt. Der rasche Wechsel von sentimentalen Rückblenden, melodramatisch in Szene gesetzten Teenie-Emotionen, satirischen Einschüben – die auch schon einmal an „Starship Troopers“ denken lassen – und brutalen Überlebenskämpfen zu klassischer Musik von Strauss, Bach oder Verdi, ist ziemlich einzigartig, hat mich aber auch eher interessiert als gefesselt.
Emotional eingebunden war ich nur bei einzelnen Szenen. Besonders beeindruckt hat mich der Schauspieler, Comedian und Regisseur Takeshi Kitano in seiner Rolle als Lehrer Kitano, der ein ganz abgebrühter Hund ist, dabei aber zugleich tieftraurig und resigniert wirkt. Seine Performance bleibt mir am meisten im Gedächtnis. Die Gewaltdarstellungen hingegen sind aus heutiger Sicht nicht besonders krass, aber es sind eben viele und sie betreffen Jugendliche, die vor wenigen Stunden noch lustig im Bus auf Klassenfahrt gefahren sind. Interessant ist auch, dass im bis heute tendenziell auf Geschlechterunterschiede pochenden Japan, die Jugendlichen in ihrer Brutalität und Überlebensfähigkeit eben nicht durch ihr Geschlecht definiert werden. Mädchen können hier genauso gefährlich sein wie Jungs, und Jungs genauso hilflos wie Mädchen. Gerade die erschreckend tötungsfähige Mitsuko und ihre kurz gezeigte Hintergrundgeschichte bleiben in Erinnerung.
Die Settings auf der unbewohnten Insel sind ansprechend und gut gefilmt, nur hin und wieder wirkt der Film auf mich irgendwie billig. Alles in allem mag das ein Klassiker und Pionier sein, der für mich heutzutage aber nicht rundum gut funktioniert. Zu viele Figuren gehen in zu kurzer Zeit durch zu viele Emotionen, als dass ich mich wirklich darauf einlassen könnte. Sehenswert ist Battle Royale für aufgeschlossene Filmgucker und Horrorfans, die auch über den Genre-Tellerrand schauen, aber auf jeden Fall.
Trivia: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Kōshun Takami, der wiederum Parallelen mit William G. Goldings „Herr der Fliegen“, der (ebenfalls verfilmten) Kurzgeschichte „The Most Dangerous Game“ von Richard Connells, dem Roman „Todesmarsch“ von Richard Bachmann aka Stephen King und der Kurzgeschichte „The Prize of Peril“ von Robert Sheckley aufweist.
Mitglieder der japanischen Regierung versuchten, den Roman zu verbieten und später auch die Verfilmung, scheiterten aber jeweils und trugen unabsichtlich noch zum Erfolg von Buch und Film bei.
Keiner im Cast hatte ein Stunt-Double. Alle Darsteller*innen machten alle Stunts selbst.
Schauspieler Takeshi Kitano spielte von 1986 bis 1989 eine zentrale Rolle in der wahnwitzigen japanischen Spielshow „Takeshi’s Castle“. Darin treten zwei Parteien gegeneinander an: Die eine besteht aus einer Mannschaft von 90 bis 150 Spieler*innen, die unter dem Kommando von General Hayato Tani versuchen, die Burg von Fürst Takeshi (gespielt von Takeshi Kitano) und seinem Gefolge zu stürmen. Das Spiel hat durch die kämpferischen Aspekte, durch die auch ständig Spieler ausscheiden, gewisse Parallelen zu Battle Royale.
Regisseur Kinji Fukasaku war im Erscheinungsjahr von „Battle Royale“ bereits 70 Jahre alt und hatte schon eine Menge Filme gedreht. Danach drehte er nur noch einen weiteren Film: „Battle Royale 2: Requiem“. Auch hier schrieb wieder Fukasakus Sohn Kenta das Drehbuch und übernahm schließlich die Regie, als sein Vater an Krebs erkrankte und verstarb. Leider kann diese Fortsetzung die Qualität des Originals nicht erreichen, verstärkt aber durch einen konfusen Plot und mäßiges Schauspiel dessen Schwächen.
IMDB: 7.5 von 10
Letterboxd-Rating: 3.9 von 5
Neft-Rating: 3 von 5
Kommentar schreiben