Eindrucksvoll traurige Geistergeschichte

• Japan 2002
• Regie: Hideo Nakata
• Laufzeit: 101 Minuten
Handlung: Die junge Yoshimi zieht mit ihrer fast sechs Jahre alten Tochter Ikuko in einen tristen Wohnkomplex in einer japanischen Großstadt. Sie hat sich gerade von ihrem Mann scheiden lassen, der nun das Sorgerecht für die kleine Ikuko haben will und auch nicht vor fiesen Mitteln zurückschreckt, um seine ehemalige Frau in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. In der neuen Wohnung wächst ein Wasserfleck an der Decke. Sowieso ist ständig irgendwas nass. Während sich Yoshimi zwischen Mutterschaft, Berufstätigkeit und Sorgerechtstreit aufreibt, freundet sich Ikuko mit einem Mädchen im gelben Regenmantel an, das seit zwei Jahren vermisst wird.
Besprechung: Toller, atmosphärischer Film mit starkem Soundtrack, der auf zurückhaltende Weise in eleganten, entsättigten Bildern ganz klassisch eine psychologisch dichte und zu Herzen gehende Geschichte erzählt. Regisseur Hideo Nakata gelang vier Jahre vorher mit „Ringu“ der bahnbrechendere Film, mit dem sich Japan weltweit als Heimat eigenständiger Horrorfilme einen Namen machte. „Dark Water“ ist in meinen Augen ziemlich anders, aber auf seine Weise genauso stark.
Er präsentiert uns alltägliche und dennoch tiefgreifende Belastungen wie Scheidungskonflikte, die Sorge um ein Kind und den erzwungenen Umzug in einen schäbigen Wohnblock und mischt sie eher zurückhaltend mit einer Geistergeschichte. Es gibt nicht viel Entsetzliches oder Brutales zu sehen, aber der brutalistische Bau in „Dark Water“ ist wirklich ein Monster für sich selbst. Und die Wohnung, in die Yoshimi und Ikuko ziehen müssen, ein Setting, das man so schnell nicht vergisst. Die Bilder transportieren eine Trostlosigkeit, die an die verlassensten Momente der eigenen Kindheit denken lassen mögen.
Wahrscheinlich ist „Dark Water“ näher an sogenannten westlichen Sehgewohnheiten, denn mit seiner sich langsam entspinnenden, aber geradlinigen Handlung atmet er den Geist von Horrorklassikern wie „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, „Der Mieter“ oder „The Shining“. Hilfreich ist auch das für japanische Verhältnisse sehr zurückgenommene Schauspiel der Darsteller*innen. Vor allem Kuroki Hiromi und Kanno Rio als Mutter und Tochter überzeugen mich vollkommen in ihren Rollen und tragen zum emotionalen Gelingen dieses ruhigen aber sehr eindrucksvollen Geisterfilms bei.
Trivia: Wie „Ringu“ basiert der Film „Dark Water“ auf einer Erzählung des japanischen Kultautors Kōji Suzuki.
Die optische Gestaltung von „Dark Water“ hatte größeren Einfluss auf das US-Remake „The Ring“, als die eigentliche Vorlage Ringu.
2005 kam das US-Remake „Dark Water – Dunkle Wasser“ in die nordamerikanischen Kinos. Der von Walter Salles gedrehte Film ist gar nicht schlecht und gibt sich Mühe, die Atmosphäre des Originals einzufangen. Dabei setzt er auf starke Settings und einen etwas einfallslosen aber halbwegs effektiven Sepiafilter. Jennifer Connelly spielt die Mutter, die im Scheidungskrieg mit ihrem Ex in ein runtergekommenes Appartement im schäbigeren Teil New Yorks ziehen muss, wirklich gut. Und auch ihre Tochter (Ariel Gade) und die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren ist stark. Leider fällt der Film im letzten Drittel ab Vermutlich liegt es daran, dass er die Szenen falsch gewichtet und im Pacing holpert.
Entscheidende Passagen werden zu schnell und unvorbereitet erzählt, die Figurenmotivation nicht deutlich genug. Das gar nicht üble Remake hilft allerdings dabei zu erkennen, wie stark das Original ist.
Die Geschichte von Dark Water hat eine traurige Parallele zu einem Fall, der sich erst Jahre später ereignete. 2013 verschwand die Studentin Elisa Lam aus einem Hotel in Los Angeles.
IMDB: 7.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.9 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Tatsächlich gibt es einen Fachbereich der Psychologie, der sich „Wohnpsychologie“ nennt. Er beschäftigt sich damit, wie sich die Wohnumwelt auf das menschliche Fühlen, Denken und Handeln auswirkt. Darüber hinaus geht er der Frage nach, welche Faktoren eine „menschengerechte Wohnumwelt“ ausmachen und inwiefern unsere häusliche Umgebung unsere psychische Gesundheit beeinflusst. Die Wohnpsychologie ist ein Teilgebiet der Umweltpsychologie und wir manchmal auch als Brückenwissenschaft zwischen den Humanwissenschaften und konkretem Wohnungsbau verstanden. Es handelt sich um einen recht jungen Zweig der Psychologie. In Deutschland gilt Antje Flade mit ihrem Buch „Wohnen – psychologisch betrachtet“ aus dem Jahr 1987 als einflussreiche Pionierin der Disziplin.
Wie man sich denken kann, spielt es tatsächlich eine Rolle, wie hell oder dunkel eine Wohnung ist. Wie eng oder weiträumig. Wie laut oder leise. Vieles lässt sich mit Bedürfnissen erklären: Menschen wollen sich geschützt, aber nicht eingesperrt fühlen. Sie wollen die Kontrolle über Reize wie zum Beispiel Geräusche haben, aber auch über Ordnung und Unordnung. Und natürlich haben auch Farben Wirkungen auf die Stimmungen und Gefühle, wie die Disziplin der „Farbpsychologie“ erforscht. In Zeiten von Wohnraummangel und sehr hohen Mieten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in Wohnungen leben müssen, die ihre psychische Gesundheit angreifen. Das ist kein Bagatell-Thema, und ein Film wie „Dark Water“ kann den Zusammenhang erfahrbar machen.
Etwas anderes ist wiederum die „geografische Psychologie“, bei der es weniger um Gebäude und mehr um ganze Regionen und deren Auswirkungen auf die Menschen dort haben. Tatsächlich gibt es Studien, die untersuchen, wie Landschaftstypen die Persönlichkeit prägen. Grob lassen sich dabei vier Regionen unterteilen: Land, Stadt, Berge, Küste. So legen einige amerikanische Studien nahe, dass Menschen auf dem Land generell freundlicher und zuverlässiger sind. Auch gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Menschen, die auf dem Land groß geworden sind, im Durchschnitt über einen besseren Orientierungssinn verfügen als Stadtkinder. Die sind wiederum besser darin, sich neue Gesichter zu merken. Dass Städter belesener und kreativer sind als Landeier, ist nicht nur ein versnobtes Klischee, sondern eine Aussage, die ebenfalls auf Studien verweisen kann. Bewohner*innen von Küsten- sind Studien zufolge überdurchschnittlich introvertiert und weniger offen für neue Erfahrungen. Ähnliches gilt für „Bergmenschen“, die allerdings auch als weniger neurotisch auffallen als Menschen, die in Städten wohnen. Anders als Küstenbewohner*innen sind sie aber besonders offen für neue Erfahrungen und gleichzeitig weniger verträglich und fürsorglich. Ein erstes großes Sammelwerk zu dieser jungen Forschungsdisziplin brachte der Persönlichkeits- und Sozialpsychologe Peter Jason Rentfrow von der University of Cambridge im Jahr 2014 unter dem Titel „Geographical Psychology: Exploring the Interaction of Environment and Behavior“ heraus.
Auch wenn die untersuchten Unterschiede stabil und auffällig sind, sind sie nicht groß. Außerdem ist nicht klar, ob sie auf landschaftliche Besonderheiten zurückgehen. So könnte zum Beispiel auch Migration eine wichtige Rolle spielen: Aus ländlichen Gegenden, die weniger (wirtschaftliche) Perspektiven bieten, ziehen vermehrt extravertierte und gewissenhafte (also ehrgeizige) Menschen weg. Siehe dazu auch diesen Artikel aus „Spektrum“
Kommentar schreiben