Fieser Geheimtipp mit Lovecraft-Vibes

• Japan 2004
• Regie: Takashi Shimizu
• Laufzeit: 92 Minuten
Handlung: Der Kameramann Masuoka wird von einer Obsession getrieben: Er will ergründen, was echte Angst ist und wozu sie einen Menschen treiben kann. In den U-Bahn-Schächten Tokios filmt er zufällig einen grotesken Selbstmord, bei dem sich ein Mann ein Messer ins Auge rammt. Wieder und wieder sieht sich Masuoka die Aufnahmen zuhause auf dem Monitor an, bis er erkennt, dass der letzte Blick des Selbstmörders auf einen bestimmten Punkt fixiert ist: eine Tür im tiefer gelegenen U-Bahn-Schacht. Masouka macht sich auf die Suche nach der Tür und dem, was dahinterliegt.
Besprechung: Zwischen „Ju-on: The Grudge“ und dem US-Remake „The Grudge“ drehte Takashi Shimizu diesen Film mit wenig Budget und komplett digital. Einen üppig ausgestatteten Blockbuster mit großen Schauwerten darf man also nicht erwarten. Stattdessen bekommt man einen besonders fiesen und verstörenden Film aus der japanischen Horrorwelle um die 2000er herum zu sehen, der wenig bekannt ist, es aber locker mit „Ju-on“ und „Ringu“ aufnehmen kann. Ein direkter Vergleich bietet sich allerdings nicht an, da „Marebito“ inhaltlich und inszenatorisch ganz anders ist als die genannten J-Horror-Hits. Etliche Teile des Films könnte man als „found footage“ bezeichnen, bzw. als Kameraaufnahmen von eben jenem Masouka, der zugleich als Hauptfigur und unzuverlässiger Erzähler fungiert. Shinya Tsukamoto spielt die Rolle mit seiner zurückgenommenen Art sehr effektiv. Die Figur des in seiner kleinen Wohnungen hausenden oder durch die Betonwüste Tokio streifenden Kameramanns auf der Suche nach einem wesensverändernden Schrecken bleibt lange im Gedächtnis und erinnert an die neugierigen Erforscher des Abgrunds, wie sie H.P. Lovecraft so oft in seinen Geschichten genutzt hat. Da passt es, dass bei Minute 28 der Titel der Lovecraft-Novelle „Die Berge des Wahnsinns“ genannt wird.
„Marebito“ ist kein Film für ein breites Publikum. Dazu ist er zu sperrig, zu ungemütlich und anspruchsvoll. Für Connaisseure des Grauens, Erforscherinnen des Entrückten und Apologeten des Abgrunds ist der Film allerdings ein Fest. Denn neben der starken, eigenwilligen Story und dem überzeugenden Hauptdarsteller sind die Bild- und Tongestaltung herausragend. „Marebito“ enthält keine zahlreichen Spuk- oder Splatterszenen und keine jumpsacres. Aber bietet einige Momente echten Grauens und konfrontiert den Zuschauer mit eher ungern betrachteten Aspekten seines Innenlebens.
Darüber hinaus ist „Marebito“ auch ein Film über das Filmen, im Sinne einer Vermittlung von Wirklichkeit vor allem über das Sehen. An einer Stelle des Films sagt Masouka: „Ich glaube, dass die Menschen zurückentwickelte Wesen sind. Die heutigen Menschen können alles nur im Sucher der Realität erkennen.“ Somit ist Masouka ein Künstler: Er will die Realität nicht bloß abbilden, er will seine eigene erschaffen.
Trivia: Marebito bedeutet auf Japanisch in etwa „seltene Person“ bzw. „rarer Geist“ und bezeichnet göttliche Wesen, die aus fernen Regionen in japanische Dörfer kamen, um zum Beispiel „Weisheit“ zu bringen. Religionswissenschaftler sehen im Glauben an Marebito das weltweit aufzufindende Konzept des „heiligen Fremden“.
In Masuokas Wohnung hängt eines der perspektivisch möglichen, aber geometrisch und für unsere Vorstellung unmöglichen Bilder von M.C. Escher.
Takashi Shimizu und sein Team haben den Film in nur acht Tagen gedreht.
Der Film hat laut Wikipedia international etwas mehr als 100.000 Dollar eingespielt. Ein Voll-Flop.
IMDB: 6 von 10
Letterboxd-Rating: 3.3 von 5
Neft-Rating: 4.5 von 5
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