Angestaubter Klassiker der J-Horrorwelle

• Japan 2002
• Regie: Takashi Shimizu
• Laufzeit: 92 Minuten
Handlung: Die Sozialarbeiterin Rika soll nach einer dementen alten Dame sehen, die mit ihren Kindern in ein berüchtigtes Haus gezogen ist. Hier hat vor einigen Jahren ein Familienvater Frau und Kind getötet. Seitdem liegt ein Fluch auf dem Haus mit dem alle konfrontiert werden, die es betreten.
Besprechung: Ich finde es schwierig, diesen Film zu bewerten. Aus heutiger Sicht wirkt "Ju-on" nicht mehr besonders stark und größtenteils angestaubt. Allerdings liegt das an den vielen, vielen Filmen, die sich seitdem an Ideen aus „Ju-on“ und anderen Werken der damaligen J-Horrorwelle bedient haben. So kommt es, dass etliche damals recht originelle Spukeinlagen heute wenig frisch wirken. Ein andere Eigentümlichkeit des Films ist, dass er seine Geschichte episodenhaft und nicht chronologisch erzählt. Diese verschachtelte Erzählweise und der modernisierte Bezug zur japanischen Folklore – den gruseligen kaidan-Geschichten – wirkt auf Langnasen wie mich eher verwirrend und unnötig kompliziert. Auch die Schauspieler*innen sind für mich eine gemischte Tüte, irgendwo zwischen "nicht so toll" und "doch ziemlich gut".
Sound und Musik sind allerdings stark in diesem Film, und die generelle Inszenierung der Spukerscheinungen waren damals wirklich cool und prägend. Wer diesen ersten „Ju-on“-Kinofilm heute guckt und bisher nur wenige Horrorfilme gesehen hat, dürfte sich immer noch ganz schön gruseln. Leider haben die Figuren wenig Tiefe und wachsen zumindest mir während des Guckens nicht besonders ans Herz. Ju-on funktioniert wie eine Nummernrevue, wobei die einzelnen Nummern erst eine Bedrohung aufbauen und sich dann in einer Schreckszene entladen. Und natürlich sind die einzelnen Nummern miteinander verbunden, was aber nur einen Mehrwert hat, wenn man dem Ganzen noch folgen kann.
Optisch wirkt der Film nicht besonders eindrucksvoll und könnte auch ein TV-Film mit eher geringem Budget sein. Interessant ist allerdings, dass er ein ungeschöntes Japan zeigt, in dem Straßen, Plätze, Gassen und Innenräume nichts Liebliches oder ästhetisch Ansprechendes haben, sondern trist, karg und manchmal regelrecht hässlich sind. Entsprechend wohnt dem Film auch durchaus Kritik an der japanischen Gesellschaft mit ihrer glatten, perfekten Oberfläche inne. All das, was zum Erhalt dieser Fassade unterdrückt werden muss, bricht sich eben doch Bahn: In der Gewalt der Männer und dem unheilvollen Groll ihrer Frauen und Kinder. Ein Groll, der alle beschädigen und vernichten kann, die in seine Nähe kommen.
Für mich ist „Ju-on: The Grudge“ heutzutage ein Film, der eher interessant als fesselnd ist. Etwas ratlos gebe ich ihm 3 Sterne, auch wenn seine Bedeutung fürs Horrorkino sicher eine höhere Wertung und seine heutige Wirkung auf mich eine niedrigere Wertung plausibel machen würde.
P.S.: Ist es nicht interessant, dass die Inneneinrichtungen in japanischen Filmen oft so wirken, als hätte man in Nordkorea oder der DDR gedreht?
Trivia: Ju-on: The Grudge ist auch deshalb nicht leicht zu verstehen, weil er auf zwei Vorgängerfilmen aufbaut, die Takashi Shimizu für den heimischen Videomarkt gedreht hat: „Ju-on: The Curse“ und „Ju-on: The Curse 2“.
Nur zwei Jahre nachdem „Ju-on: The Grudge“ sehr erfolgreich in den japanischen Kinos lief, erhielt Takashi Shimizu die Möglichkeit mit „Der Fluch – The Grudge“ ein US-Remake seines Films für das amerikanische Publikum zu drehen. Diese Neuverfilmung ist einer der seltenen Fälle, in denen das Remake in meinen Augen besser als das Original ist: Ein höheres Budget wurde für bessere Effekte, wertigere Aufnahmen, bessere Schauspieler und mehr Schauplätze genutzt. Auch hatte Shimizu mit seinem Stoff schon Erfahrung und diesmal ein besseres Drehbuch zur Hand, das zumindest mich weniger verwirrt und etwas mehr emotionale Bindung an manche der Charaktere ermöglicht.
Ein Beispiel für die Bezüge des Films zu japanischen Geistergeschichten ist das miauende Geräusch, das mit dem Geisterjungen Toshio einhergeht. Einer alten Legende nach können die Geister ermordeter Kinder zu ans Erdreich gebundenen Streunern werden, die sich durch miauende Geräusche verraten. Es handelt sich bei Toshio und seiner Mutter um Onryō (rachsüchtige Geister).
Takako Fuji, die in dem Film den rachsüchtigen Geist der ermordeten Kayako Saeki spielt, ist nicht nur ausgebildete Schauspielerin, sondern auch Balletttänzerin und in ungewöhnlichen Verrenkungen trainiert. Diese „Schlangenmensch“-Fertigkeiten konnte sie in „Ju-on“, sowie einer Fortsetzung und dem US-Remake so wie dessen Fortsetzung zum Einsatz bringen.
IMDB: 6.7 von 10
Letterboxd-Rating: 3.4 von 5
Neft-Rating: 3 von 5
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