Spannend, fies, kauzig

• Spanien 1996
• Regie: Alejandro Amenábar
• Laufzeit: 125 Minuten
Handlung: Angela will ihre Doktorarbeit über Gewaltdarstellungen in Medien schreiben und findet bei ihrer Recherche ein Video, auf dem eine junge Frau offenbar real zu Tode gefoltert wird. Zusammen mit dem Horror-Nerd Chema v versucht sie herauszufinden, wer hinter diesem und ähnlichen „Snuff“-Videos steckt. Dabei ist die Gefahr ganz in der Nähe.
Besprechung: Dieser erste Langfilm des chilenisch-spanischen Regisseurs Alejandro Amenábar ist ziemlich speziell. So kann man ihm vorwerfen, dass die Handlung ziemlich konstruiert ist, muss aber zugeben, dass er trotzdem oder gerade deswegen überdurchschnittlich spannend geraten ist. Auch sind die männlichen Figuren in diesem Film teilweise schwer zu ertragen. Phasenweise hatte ich das Gefühl, dass die heterosexuelle Angela die Wahl zwischen drei verschiedenen Arten von Psychopathen hat. Aber auch das trägt zur Spannung und der Qualität des Films bei. Denn Angela ist hier nicht unschuldiges Opfer, sondern eine selbstbewusste Frau mit eigener Agenda. Hinter ihrer ruhigen Fassade schlummert eine abgründige, von Gewalt faszinierte Seite, die sie mit den unterschiedlich gestörten Männern in diesem packenden Psychothriller verbindet. Erstaunlich ist auch, wie der Film die Balance zwischen krassem Thema und Unterhaltung wahren kann. Einzig die Medien- und Gesellschaftskritik wirkt aufgesetzt und ist auch eher flach. Da sie aber kaum Raum einnimmt, lässt sich darüber gut hinwegsehen.
Tesis ist in der Wahl seiner Mittel sehr effizient. Es braucht nur wenig, um ein Gefühl von Bedrohung und Perversion zu erzeugen. Wir sehen nur wenig von den Snuff-Filmen, aber das reicht vollkommen, um die Phantasie böse anzuregen. Gerade in seiner Zeit, als das Thema noch recht neu war, muss der Film eine starke und verstörende Wirkung gehabt haben.
Die Figuren sind interessant und hollywood-untypisch geschrieben. Zumindest bei mir erzeugen sie auch immer wieder eine inspirierende Reibung, da sie sich auf eine Weise geben und verhalten, die mich irritiert. Die Schauspieler*innen sind dabei zwar keine Weltstars, machen ihre Sache aber allesamt gut. Musik, Kamera und Settings tragen zusätzlich dazu bei, dass die Geschichte realitätsnah und deswegen äußerst spannend wirkt.
Letztlich ist Tesis keineswegs ein perfektes Regiedebüt, aber eines, das lange in Erinnerung bleibt.
Trivia: Einen Teil des Drehbuchs schrieb Alejandro Amenábar bereits als Student der Informationswissenschaften an der Universität Complutense in Madrid. An genau dieser Uni spielt auch der Film.
Das Budget des Films lag bei ungefähr 700.000 Dollar.
Tesis gewann 1997 sieben „Goyas“. Darunter einen als „bester Film“ und einen für den „besten Sound“.
Auch wenn „Snuff Filme“, also Videos, die die Folterung und Tötung von Menschen zeigen und eigens als solche vermarktet werden, weitgehend ein Mythos sind, existieren doch leider auch einige wenige reale Fälle, wie der um Peter Scully. In der Regel handelt es sich bei solchen Aufnahmen aber nicht um ein Geschäftsmodell. Auch ist nicht bekannt, dass eine entsprechende „Industrie“ existiert. Spielfilme, die sich mit dem Thema befassen sind zum Beispiel „Peeping Tom – Augen der Angst“ (1960), „Videodrome“ (1983), „8mm – Acht Millimeter“ (1999), „FearDotCom“ (2002), „A Serbian Film“ (2010) und „Red Rooms“ (2023).
IMDB: 7.4 von 10
Letterboxd-Rating: 3.9 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Eine Frage, die ich mir beim aktuellen Ansehen von „Tesis“ gestellt habe, lautet so: Fühlen sich (manche) Frauen gerade zu aggressiven und gewalttätigen Männern hingezogen? Mir ist dabei klar, dass „Männer-Frauen“-Fragen generell unterkomplex klingen, da abseits des Geschlechts noch viele andere Faktoren die Persönlichkeit eines Menschen bestimmen und darauf einwirken, was er oder sie anziehend findet. Auch ist die Hypothese, dass die „bad guys“ die meisten Frauen anlocken, ein vor allem von Jungen und Männern verbreitetes Stereotyp, und zwar von den Männern, die sich selbst als „zu lieb“ und „nicht aggressiv“ genug wahrnehmen und damit Erfolglosigkeit beim anderen Geschlecht erklären. Das vorweggeschickt möchte ich nun ein paar wissenschaftliche Beobachtungen zu der fragwürdigen Frage teilen.
In einem Beitrag in Psychology Today vom 28. Mai 2013 erklärt die Psychologin Vinita Mehta, dass laut manchen Studien Frauen die Wahl zwischen „dads and cads“ haben, also Vätern und Schurken. Der warme, sanfte „Vatertypus“ sein zwar gut für Heim und Herd, aber der „Schurke“ verfüge in der Regel über gute Gene. Gerade während des Eisprungs fühlten sich manchen Untersuchungen zufolge, heterosexuelle Frauen zu „Machos“ hingezogen fühlten, also zu solchen, die Stärke und Dominanz demonstrierten. Dazu gehört natürlich auch ein gewisses Maß an Aggression, das wiederum zumindest das Potenzial zur Gewalttätigkeit mit einschließt. Der Artikel in Psychology Today beruft sich dabei vor allem auf eine Studie aus Deutschland: Gilda Giebel und Kolleg*innen an der Uni Konstanz gingen der Frage nach, ob evolutionär Männer bevorzugt wurden, die in den Krieg gingen bzw. ob Aggression als Zeichen genetischer Fitness betrachtet werden kann. Biebel und ihr Team führten unter 1212 deutschen Frauen eine Online-Umfrage durch, um zu testen, ob fruchtbare Frauen eine größere Vorliebe für Kriegertypen hatten. Die Teilnehmerinnen lasen ein fiktives Szenario über einen Soldaten namens „Wilko“, der aus dem Krieg in Afghanistan zurückgekehrt war. Anschließend mussten die Frauen drei Aufgaben erledigen. Zunächst mussten sie Wilko für verschiedene Beziehungstypen (z. B. Date, fester Freund, Lebenspartner, platonischer Freund, sexuelle Affäre und One-Night-Stand) auf einer siebenstufigen Skala von 0 (überhaupt nicht) bis 6 (am intensivsten) in Betracht ziehen. Zweitens bewerteten sie diesen fiktiven Soldaten auf einer siebenstufigen Skala anhand der Dimensionen: dominant/unterwürfig; sexuell attraktiv/sexuell unattraktiv; weich/hart; weiblich/maskulin; rau/zart; hart/zärtlich; schlecht/gut; warm/kalt; nett/furchtbar; angenehm/unangenehm; freundlich/aggressiv; unintelligent/intelligent und gesund/krank. Drittens berichteten die Frauen, in welcher Phase ihres Menstruationszyklus sie sich befanden, um festzustellen, ob sie einen Eisprung hatten oder nicht (sie gaben auch an, ob sie orale Verhütungsmittel einnahmen).
Das Ergebnis? Ja, tatsächlich: Insbesondere während der Ovulation bevorzugten Frauen aggressive Männer als Kurzzeit-Partner. Dieses Ergebnis stützt sich auf frühere Arbeiten, die zeigten, dass Frauen männliche Eigenschaften wie Dominanz und sogenannte maskuline Gesichtszüge besonders attraktiv finden, wenn sie fruchtbar sind. Darüber hinaus zeigt diese Studie, dass die männlichen Signale genetischer Fitness nicht nur körperlicher Natur sind, sondern auch durch Verhalten vermittelt werden. Das Blöde daran ist natürlich, dass besonders dominante und aggressive Männer für eine lange Beziehung und das Gründen einer Familie gerade in friedlicheren Zeiten viel mehr Nach- als Vorteile mit sich bringen. Sie zeigen in der Regel wenig elterliches Engagement, haben Affären und können auch eine Bedrohung für die anderen Familienmitglieder sein. Kurz: Der (genetisch gut ausgestattete) Erzeuger des Nachwuchses, sollte eher nicht der Vater und Ehemann sein.
Das ist natürlich wie immer, wenn die Worte „Evolution“ und „Gene“ in einer gesamtgesellschaftlichen Betrachtung vorkommen, mit sehr grobem Pinsel gemalt. Aber die Studie von Gilda Giebel und ihrem Team ist bei weitem nicht die Einzige zu diesem etwas ungemütlichen Thema. Am 28. Mai 2019 publizierten die Soziologin Lidia Puigvert und andere an der Universität Barcelona eine Studie, die 100 Mädchen im Alter von 13 bis 16 auf unterschiedlichen weiterführenden Schulen (Gymnasium, Real-, Hauotschule) in England, Spanien, Zypern und Finnland befragte. Hier war das Ergebnis, dass die Mädchen vor allem die „nicht-gewalttätigen“ Jungen bevorzugten. Allerdings wurden für Affären vor allem die Jungen mit gewalttätigen Einstellungen und für feste Beziehungen die Jungen mit nicht-gewalttätigen Einstellungen bevorzugt, was laut den Wissenschaftler*innen die Ergebnisse früher durchgeführter Untersuchungen untermauert. In der Studie beklagen die Wissenschaftler*innen, dass es nach wie vor ein gängiges, gesellschaftlich vermitteltes Bild in verschiedenen europäischen Ländern sei, dass aggressive Männer mit gewalttätigen Einstellungen attraktiv seien.
Es gibt auch eine Studie eines Teams der schottischen Universität St. Andrews, die nahelegt, dass Frauen, die Angst vor Gewalt in der Partnerschaft haben, „femininere“ Männer bevorzugen. Martha Lucia Borras-Guevara, die die Studie gemeinsam mit zwei anderen Wissenschaftlerinnen durch Befragungen in Kolumbien durchführte, erklärte: „Wir haben festgestellt, dass Gewalt in der Partnerschaft einen großen Einfluss auf die Männlichkeitspräferenzen hatte, selbst nachdem wir Alter, Bildung, Zugang zu Medien (Fernsehen und Internet) und Gesundheit der Teilnehmer berücksichtigt hatten.“
Nachtrag: Wer als Mann attraktiv sein möchte, aber dominantes und aggressives Verhalten und gewalttätige Einstellungen ablehnt, hat laut einer 2010 von der American Psychological Association durchgeführten Studie eine tolle, gewaltfreie Möglichkeit: Laut der Studie wirken Männer auf Frauen attraktiver, wenn sie Kleidung in auffälligen Farben wie rot oder gelb tragen! Statt nur „Lady in Red“ also ruhig auch mal „Gentleman in Red“!
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