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Nosferatu – Der Untote

Opulente Neuinszenierung des Stummfilm-Klassikers

 USA 2024   

 Regie: Robert Eggers                         

 Laufzeit: 133 Minuten

 

Handlung: Deutschland um 1830. Die junge Helen Hutter litt als Jugendliche unter Alpträumen und hatte wohl ein paar besonders gruselige Erlebnisse als Schlafwandlerin. Nun ist sie mit einem lieben Mann verheiratet und wirkt stabiler. Als dieser jedoch nach Transsilvanien aufbricht, um dort Geschäfte mit einem mysteriösen Graf Orlok zu machen, verfällt sie wieder in dunkle Gedanken und Träume.

 

Besprechung: Mit „The Witch“, „Der Leuchtturm“ und „The Northman“ schuf sich Regisseur Robert Eggers einen Namen unter Fans anspruchsvoller und stilistischer zwingender Düsterfilme. Entsprechend groß sind die Erwartungen gegenüber seiner Neufassung des alten Nosferatu-Stoffes. Um es vorwegzunehmen: Ästhetisch kann Eggers liefern. Fans eines gothic style bekommen mit „Nosferatu“ die volle Packung. Dunkle Gassen, unheimliche Herrenhäuser, Kanäle im Vollmondschein, okkulte Riten in nächtlichen Wäldern, uralte Schlösser in zerklüfteten Bergen, Wölfe, Sarkophage, junge Frauen mit tief glosenden Augen – alles dabei. Die Farben sind hier so entsättigt, dass man manchmal glaubt, einen Schwarz-Weiß-Film zu sehen. Dabei wirkt bei dem in Tschechien, Rumänien und Toronto gedrehten Film jede Einstellung wohl überlegt. Die Bildkompositionen, die Kameraführung, das Sounddesign und der Score von Robin Carolan sind ein Fest für Cineastinnen und Ästheten. So gehört das Erscheinen einer Kutsche im nächtlichen Wald womöglich zu den Glanzlichtern des Kinojahres – genau für solche Szenen wurde die große Leinwand geschaffen. Zugleich bietet Eggers dem Publikum hier seinen bisher zugänglichsten Film und ist sich auch nicht zu fein für die eine oder andere Prise Humor und gelegentliche jumpscares

 

Die Darsteller-Riege ist unter anderem mit Lily-Rose Depp, Willem Defoe, Bill Skarsgård und Ralph Ineson stark besetzt. Dabei hinterlässt vor allem die 25-jährige Depp einen bleibenden Eindruck, während Defoe in anderen Filmen schon besser zeigen konnte, was für ein begnadeter Schauspieler er ist. Und ausgerechnet der von Bill Skarsgård verkörperte Blutsauger Graf Orlok ist in meinen Augen der Schwachpunkt des Films, übertritt er doch mehr als einmal die Grenze zur unfreiwilligen (?) Komik. Das allerdings liegt eher an der Inszenierung als an Skarsgård Schauspielkunst – und ist natürlich Geschmacksache.

 

Bei aller optischen und akustischen Opulenz stellt sich aber die Frage, was uns der alte Nosferatu-Stoff, der im Kern eine nach Deutschland verlegte Kopie von Bram Stokers Roman „Dracula“ aus dem Jahr 1897 ist, im Jahr 2024 noch sagen kann. Eggers hat nämlich keine mutige Neuinterpretation geschaffen, sondern eher eine Hommage an Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker „Nosferatu – eine Symphony des Grauens“ aus dem Jahr 1922. Bereits als Neunjähriger will Eggers von der Geschichte zutiefst beeindruckt gewesen sein. An seiner Version hat er zehn Jahre gearbeitet. Über die Aussagekraft des Films in unserer Zeit habe ich ein wenig unter bei „Hopsys Gedanken“ notiert.    

 

Trivia: Die Außenaufnahmen von Orloks Schloss wurden tatsächlich in Transsilvanien gedreht, und zwar bei der Burg Hunedoara (zu deutsch „Burg Eisenmarkt“), die auch als Burg Corvinus oder Schwarze Burg bekannt ist. Um das bedeutende Bauwerk ranken sich einige Legenden. Recht sicher ist, dass Vlad III. (1431 bis 1476/1477) hier eine Zeit lang inhaftiert gewesen ist. Der auch als „Der Pfähler“ verunglimpfte Woiwode diente als historisches Vorbild für Bram Stokers Figur des Dracula.

 

Die Innenaufnahmen von Orloks Schloss wurden allerdings auf Burg Pernstein in Tschechien gedreht. Hier drehte bereits Werner Herzog 1979 seine „Nosferatu“-Version.

 

Bill Skarsgård erzählt, dass er sich beim Einleben in seine Rolle selbst zunehmend gefürchtet hat. Unter anderem hat er sehr hart an seiner Stimme gearbeitet, die schließlich an mongolische Obertöngesänge erinnert habe. In Zukunft will er nie wieder eine derart böse Rolle spielen, denn er habe das Gefühl, diesmal wirklich das Gefäß für eine unheimliche Präsenz geworden zu sein. 

 

Ursprünglich sollten Anya Taylor-Joy und Harry Styles die Hauptrollen als Ehepaar Hutter spielen.

 

Fast zeitgleich mit Eggers Film erschien ein anderes Nosferatu-Remake. Die Regie führte David Lee Fisher, der bereits 2005 ein Remake von „Das Cabinet des Doktor Caligari“ gedreht hatte.    

 

IMDB: 7.9 von 10

Letterboxd-Rating: 4 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4 von 5

 

// HOPSYS GEDANKEN

 

Ist die altbekannte Dracula- bzw. Nosferat-Geschichte abseits ihrer beeindruckenden filmischen Umsetzung auch heute noch interessant oder gar relevant? Immerhin erwartet man von Eggers nach seinem eindrucksvollen Debüt „The Witch“ durchaus einen Film mit intellektueller Substanz. Das Besondere an „Nosferatu“ ist: Eggers muss den Stoff nicht modernisieren oder großflächig umschreiben. Er lässt die Zeit, in der wir leben, den Job machen. Anders gesagt: Heutzutage wirkt die „Nosferatu“-Geschichte wieder bedrohlich aktuell. Ein grausamer Patriarch mit hypnotischer Macht und eisernem Willen wird von der Einsamkeit und Todessehnsucht der westlichen Welt regelrecht heraufbeschworen. Er kommt aus dem Osten, steht für das Alte und scheinbar Überwundene. In Wirklichkeit aber hat ihm die aufgeklärte Moderne gar nicht so viel entgegenzusetzen. Die zivilisierten Menschen scheinen vergessen zu haben, welche dunklen Kräfte in der Welt und in ihnen selbst immer noch schlummern. Der von Defoe gespielte Charakter, der eine Art Van Helsing ist, gibt einmal zu bedenken: „Man muss die Existenz des Bösen erst anerkennen, wenn man es besiegen will.“ Und ein vom dunklen Meister besessener deutscher Spießer – das Pendant zu Renfield in der Draculageschichte – sagt einmal in seinem Wahn zu zwei Ärzten, also den damaligen Vertretern von Vernunft und Moderne, etwas Erstaunliches: „Ihr habt mich im Stich gelassen.“ So stellt der Film anhand einer alten Geschichte zeitgemäße Fragen: Vor welchem Bösen in uns und um uns herum verschließen wir die Augen? Sind wir in Wohlstand und Frieden naiv geworden? Wen haben wir auf unserem Weg zu immer mehr Fortschritt und Wachstum im Stich gelassen? Und schließlich: Wie trotzt man den wiedererstarkenden feindlichen Mächten? Der Film liefert eine klare und bedenkenswerte Antwort.

 

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