Gerichtsdrama und Gruselfilm nach wahrem Fall

• USA 2005
• Regie: Scott Derrickson
• Laufzeit: 122 Minuten
Handlung: Die Rechtsanwältin Erin Bruner will ihre Karriere vorantreiben und übernimmt einen ungewöhnlichen Fall. Sie soll einen katholischen Priester verteidigen, der beschuldigt wird, ein Mädchen durch einen Exorzismus getötet zu haben. Bruner, die sich selbst als Agnostikerin bezeichnet, kommt in der Auseinandersetzung mit der Materie bald an ihre Grenzen.
Besprechung: Den hatte ich schon ewig auf meiner Watchlist und habe ihn nun endlich gesehen. „Der Exorzismus der Emily Rose“ ist kein handelsüblicher Teufelsspuk, sondern ein interessanter, nachdenklich stimmender Film, der Gerichtsdrama und Gruselfilm mischt und in beiden Genres gute Arbeit leistet.
Wie bei Gerichstdramen üblich, ist die Katastrophe schon passiert. Die Spannung liegt hier also nicht darin, ob Emily Rose überlebt, sondern wie ihr Tod zu interpretieren ist. Die Staatsanwaltschaft beschreibt das Verhalten des Priesters als grob und gibt ihm die Schuld an Emilys Tod. Das Mädchen habe an einer „epileptischen Psychose“ gelitten und Medikamente gebraucht. Die Verteidigung in Form der Rechtsanwältin Erin Brunner (gespielt von Laura Linney) stellt sich auf die Seite des Priesters. Und lässt damit zunehmend die Möglichkeit gelten, dass Emily Rose tatsächlich von Dämonen besessen gewesen sein könnte.
Auch der Film will diese Möglichkeit offenlassen, betont sie sogar durch seine Gruselsequenzen, die mehrheitlich aus Rückblenden bestehen. Sie wirken vor allem dank einer guten Kameraarbeit und einem wirklich unheimlichen Score. Obendrein erklären Einblendungen am Anfang und am Ende des Films, dass er auf einer wahren Geschichte beruht, was seine Wirkung natürlich verstärken soll. Tatsächlich basiert der amerikanische Film auf der tragischen Geschichte der Anneliese Michel, die 1976 in Folge ihrer Krankheit und einer Reihe von Exorzismen im bayrischen Klingenberg verstarb. Zu Michel gibt es eine Reihe von Meinungen, Büchern und Artikeln. Und auch einen deutschen Film namens "Requiem" mit Sandra Hüller in der Hauptrolle, der nur ein Jahr nach "Der Exorzismus der Emily Rose" in die Kinos kam. Während "Requiem" ein realitätsnahes Drama ist, dass sich für psychologische Fragestellungen interessiert, ist "Der Exorzismus der Emily Rose" ein Hollywoodfilm, der sich für den weltanschaulichen Konflikt zwischen religiösem Glauben und zeitgeistiger Rationalität interessiert. Die Gerichtsverhandlung ist packend inszeniert, Laura Linney gibt eine starke Hauptfigur und die Unheimlichkeit des Films liegt auch darin begründet, dass er unsere Skepsis ernst nimmt und dann langsam unterwandert.
Ganz wohl ist mir bei dieser Interpretation des "Falls Klingenberg" allerdings nicht. Was auch daran liegt, dass Jennifer Carpenter als Emily Rose auf mich unpassend wirkt: zu alt, lebenserfahren, selbstbewusst und sexuell erwacht kommt sie rüber. Das soll nicht heißen, dass ihr Schauspiel schlecht wäre, es ist die Casting-Entscheidung, die ich anzweifle. Auch erleben wir sie kaum vor ihrer Besessenheit und bekommen so kein richtiges Gefühl für diesen interessanten Charakter.
Dennoch ist das einer der besseren Exorzismus-Filme, der ein aufwühlendes Thema neuartig inszeniert und ein paar inspirierende und wichtige Fragen über unseren Blick auf außergewöhnliche Bewusstseinszustände stellt.
Trivia: Um sich auf ihre Rolle als „besessene“ Emily Rose vorzubereiten, verbrachte Jennifer Carpenter etliche Stunden in einem Raum voller Spiegel. Dort probierte sie auf der Suche nach besonders verstörenden Mimiken und Verrenkungen zahlreiche Körperpositionen und Grimassen aus.
Emily Schlafzimmer und die Kratzspuren an den Wänden wurden durch ein Gemälde von Francis Bacon inspiriert.
Es kann ein Zufall sein, aber die weibliche Hauptfigur des Films namens Erin Bruner hat den gleichen Nachnamen wie Theobald und Joseph Bruner. Dabei handelt es sich um zwei in Frankreich lebende Männer, die ab 1865 für vier Jahre Anzeichen dämonischer Besessenheit zeigten. Ein Exorzismus soll die Brüder schließlich geheilt haben.
IMDB: 6.7 von 10
Letterboxd-Rating: 3.1 von 5
Neft-Rating: 4 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Der Fall der Anneliese Michel wurde über Deutschlands Grenzen hinaus populär. 1952 als Tochter einer katholischen Handwerkerfamilie im bayerischen Klingenberg geboren, war Anneliese ein kränkliches Kind. Nach einem Anfall im Jahre 1969 untersucht sie ein Neurologe und diagnostiziert eine Epilepsie vom Typus Grand Mal. Schließlich erscheinen ihr nach einem längeren Krankenhausaufenthalt Teufelsfratzen. Im Herbst 1970 kehrt sie zurück ins Gymnasium. Unter ihren Mitschülerinnen gilt sie als „zurückgezogen und sehr religiös“. Die letzten zwei Jahre auf dem Gymnasium ist sie zunehmend apathisch und depressiv. Eine weitere Untersuchung beim Neurologen ergibt jedoch keinen Befund. Sie bekommt das Antikonvulsivum Zentropil verschrieben. In der Folgezeit geht es Anneliese jedoch immer schlechter: Sie riecht einen grässlichen Gestank, den niemand sonst wahrnimmt, hat immer häufiger Phasen, in denen sie völlig starr wird, sieht Teufelsfratzen. Bei einem Besuch des inoffiziellen Wallfahrtsortes San Damiano in Italien brannte – laut der Anthropologin Felicitas D. Goodman – die Erde unter ihren Füssen bei dem Versuch die Kapelle zu betreten. Kurz darauf soll sie einen Rosenkranz zerrissen und das erste Mal mit einer anderen, männlichen Stimme gesprochen haben.
In der Folgezeit kommt es zu weiteren Arztbesuchen. Annelieses Zustand verbessert sich aber nicht. Bevor sie sich im Herbst 1973 an der Pädagogischen Hochschule Würzburg einschreibt, ersuchen ihre Eltern verschiedene Pfarrer um eine Teufelsaustreibung. Niemand will sich jedoch auf dieses Verfahren einlassen, zumal hierzu eine bischöfliche Genehmigung von Nöten ist, die erst erteilt wird, wenn alle Kriterien einer Besessenheit erfüllt sind. Was das für Kriterien sind, gibt das 1614 erschiene Rituale Romanum vor:
• In fremden, dem Besessenen unbekannten Sprachen längere Reden führen oder solche verstehen.
• Verborgene und entfernte Dinge kundtun.
• Vermögen und Kräfte kundtun, welche durchaus über das Alter und die Natur hinausgehen.
Laut Monsignore Corrado Balducci (1923 – 2008), einst Staatssekretär und Exorzist im Vatikan, müssen solche parapsychologischen Phänomene auftreten und darüber hinaus etwas, was er tonalità nennt – eine bestimmte Färbung im religiösen Bereich. Zudem legte der Vatikan 1999 in der Schrift „De Exorcismis“ fest, dass der Bischof eine Austreibung nur genehmigen könne, wenn alle Möglichkeiten medizinischer Heilung ausgeschlossen seien. Während also Skeptiker jegliche Form von Besessenheit auf erforschbare Krankheitsbilder wie Epilepsie, Psychosen, Tourettesyndrom, Dissoziative Identitätsstörung (vorher bekannt als multiple Persönlichkeitsstörung) etc. zurückführen, gehen gläubige Exorzisten wie der deutsche Jesuitenpater Alfred A. Rodewyk oder eben Balducci davon aus, dass man das Leiden wahrhaft Besessener eben von solchen Krankheiten abgrenzen könne. Schließlich sprächen die Teufel selbst aus dem Heimgesuchten und offenbarten Kenntnisse, die der Kranke niemals haben könne. Zwar seien diese Fälle äußerst selten, aber deutlich genug, um das Wirken Satans zu dokumentieren. Pater Gabriele Amorth, der von 1992 bis 2000 Vorsitzender der Exorzistenvereinigung in Rom gewesen ist, behauptet von 50.000 Klienten hätten nur 84 an einer Besessenheit im eigentlichen Sinne gelitten. Aber immerhin!
Doch zurück zu Anneliese Michel. Schließlich beauftragt im September 1975 der Würzburger Bischof Josef Stangl den Salvatorianerpater Arnold Renz damit, an Anneliese den großen Exorzismus durchzuführen. Mit ausschlaggebend war hierfür ein Gutachten, dass Pater Rodewyk nach einem Besuch in Klingenberg verfasste. Darin schreibt er, dass Anneliese wirklich besessen sei. Bis Juli 1976 werden nun 1-2 Sitzungen in der Woche abgehalten, bei denen Renz von Pfarrer Ernst Alt, Annelieses Seelsorger, unterstützt wird. Im Laufe der Zeit entstehen über 40 Tonbandprotokolle, auf denen die in Anneliese eingefahrenen Teufel zu Wort kommen. Pfarrer Alt und Pfarrer Renz machen Bekanntschaft mit Judas, Luzifer, Nero, Kain, Hitler und einem verstorbenen fränkischen Pfarrer. Dass dieser seine Verwünschungen und Gotteslästerungen in fränkischem Dialekt ausstößt, wundert nicht. Beim Österreicher Adolf Hitler hingegen hätte man diese sprachliche Färbung nicht vermutet.
Die Gebete, das Weihwasser, der Weihrauch und die Kruzifixe lassen Anneliese mit gewaltiger Aggression reagieren. Sie schlägt Kreuze von der Wand, zerreißt Rosenkränze und ihre eigenen Kleider, brüllt und tobt stundenlang. Sie nimmt so gut wie keine Nahrung zu sich, stopft sich aber Insekten oder Kohle in den Mund und trinkt ihren Urin. Immer wieder rast sie durch das Haus ihrer Eltern oder macht zwanghaft Kniebeugen, bis ihr die Knie anschwellen und eitern. Auch greift sie manchmal Familienmitglieder körperlich an. Ihren Freund beißt sie in den Arm, sich selbst fügt sie Verletzungen zu. Die anhaltende Weigerung zu essen und die stetigen Krämpfe und Schreianfälle entkräften Anneliese mehr und mehr. Ärztliche Hilfe lehnt sie ab, nimmt aber noch das Antikonvulsivum Tegretal. Im letzten halben Jahr ihres Lebens fühlt sie öfter auch die Präsenz guter Wesenheiten, vor allem der Jungfrau Maria, aber auch des Heilands. Ihr Fasten erinnert an Mystikerinnen des Mittelalters oder die bekannte bayrische Visionärin Therese von Konnersreuth, die angeblich jahrzehntelang nur vom Leib Christi lebte.
Am 1. Juli 1976 stellt Anna Michel in den Morgenstunden den Tod ihrer Tochter fest. Die Obduktion ergibt, dass Anneliese verhungert ist, Formen einer physischen Epilepsie können nicht nachgewiesen werden. Wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassung“ verurteilt die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg die Eltern, Pater Renz und Pfarrer Alt zu dreijähriger Haft auf Bewährung. Auch wenn eine von der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzte Kommission 1978 bekannt gibt, Anneliese Michel sei nicht besessen gewesen, wird ihr Grab zum Wallfahrtsort.
Wie ist ein Fall, wie die Besessenheit von Anneliese Michel zu erklären? Woran starb sie letztlich? Felicitas D. Goodman, Professorin für Linguistik, Ethnologie und Anthropologie, hält Besessenheit für ein in vielen Kulturen vorkommendes Phänomen mit jeweils kulturspezifischen Färbungen. Die beste Abhilfe sei ein Exorzismus, wie ihn Medizinmänner oder Priester seit Jahrtausenden praktizierten. Dieser helfe den Betroffenen in tiefe Trance zu gelangen und so ihr Leiden zu kontrollieren und letztlich aufzulösen. Goodman, die die Existenz von Geistern und Dämonen durchaus für möglich hält, schreibt:
„Bleibt die Frage: Warum starb sie [Anneliese Michel]? Das Gericht nahm an, dass sie durch den Exorzismus – der verhinderte, dass sie ärztliche Hilfe bekam – getötet wurde. Wie einer der vom Gericht zugezogenen psychiatrischen Sachverständigen erklärte, hätte sie ruhiggestellt, zwangsernährt und mit Elektroschock behandelt werden müssen. Die Psychiater hatten jedoch, wie aus ihren Aussagen klar hervorgeht, nicht die geringste Ahnung von dämonischer Besessenheit und Exorzismus, noch wussten sie etwas über das Phänomen der „multiplen Persönlichkeit“, bei dem eine Behandlung wie die oben vorgeschlagene ebenfalls nicht wirkt...Der Autopsie-Bericht gab Unterernährung als Ursache an. Wir könnten jedoch genauso gut sagen, dass die Medikamente, die sie erhielt...möglicherweise gerade jene Hirnvorgänge unterbunden haben, die notwendig waren, um sie von ihrem Leiden zu befreien....Anneliese hatte die Fähigkeit, in Trance zu geraten, verloren; das war mit Sicherheit das Schrecklichste, was ihr unter diesen Umständen geschehen konnte.“ (Felicitas D. Goodman: „Ekstase, Besessenheit, Dämonen.“ Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1991, S. 175. (Originalausgabe „How about Demons?” Bloomington 1988)
Etwas anders sieht das der katholische Theologe, Psychoanalytiker und Mitbegründer des Wiener Aktionismus Josef Dvorak:
„Goodmans Argumente haben viel für sich, doch verdeckt die Behauptung, Anneliese Michels Ausnahmezustand habe seine Wurzeln allein in der Übung altüberlieferten religiösen Verhaltens [...], die aus der Krankheitsgeschichte hervorgehenden Tatsachen. Das Mädchen hatte in eben jener Zeit sexuelle Probleme, entwickelte stark ambivalente Gefühle gegen seine engstirnigen, strengen und bigotten Eltern und musste auch bezüglich ihres von der Familie und dem befreundeten katholischen Wallfahrerklüngels [...] hochgehaltenen Kinderglaubens als Studentin der Religionspädagogik und Beobachterin nachkonziliarer theologischer Entwicklungen zunehmend unter kognitiver und emotionaler Dissonanz zu leiden haben. Die von Anneliese Michel produzierten Phänomene könnten sogar den Verdacht nahelegen, dass es sich bei Ihnen im Grunde „lediglich“ um exzessive hysterische Reaktionen auf eine unerträgliche, aber nicht veränderbare engste Umwelt gehandelt hat. Die Anpassung bestand dann darin, dass der Part der Kritik blasphemierend, koprolalierend, schalgend und beißend von der Riege der „Teufel“ [...] bestritten wurde, während die Primärpersönlichkeit, wie von ihr erwartet, für die vorkonziliaren Dogmen, Moralauffassungen und Riten in die Schranken trat [...] und dabei Christus immer ähnlicher wurde: Sie fügte sich die „Wundmale des Herrn“ an den Füßen zu, erlebte den Durst Jesu am Kreuz und aß zuletzt nichts mehr.“
(Josef Dvorak: Satanismus. Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus, Geschichte und Gegenwart. Heyne, München, 1989, S. 217-218)
P.S.: Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Würzburg Klaus Laubenthal schilderte in seinem Jahresbericht 2015/2016 den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs einer Frau durch Michels Exorzisten Arnold Renz. Auch gegenüber Ernst Alt, Michels Seelsorger, wurden entsprechende Vorwürfe erhoben. Nach Ansicht Laubenthals sollten künftige Forschungen zum Fall Michel auch den Aspekt des sexuellen Missbrauchs in Erwägung ziehen
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