Stumpf, peinlich und verdammt unterhaltsam

• USA 1998
• Regie: Jamie Banks
• Laufzeit: 100 Minuten
Handlung: An der Pendleton Universität hält Professor Wexler eine Vorlesung über „urbane Legenden“. Gleichzeitig geht ein Killer um, der Menschen im Stil dieser Legenden umbringt. Was ist da wieder los?
Besprechung: Filme wie diesen kann man jungen Menschen heutzutage eigentlich gar nicht mehr zumuten. Nicht, weil das Frauenbild total gestrig wäre – das ist recht gut gealtert – sondern weil die Jungmänner auf eine Weise dargestellt werden, die bei der Generation Z kognitive Dissonanz und anachronistischen Schüttelfrost auslösen dürfte. „Düstere Legenden“ präsentiert eine besonders denkwürdige Auswahl an empathielosen, eitlen, dummschwätzenden Blödbolden, die gerne mal einen Hund per Trichter auf einer Party besoffen machen, oder über ein gerade getötetes Mordopfer sagen, dass ihr Kopf beim Blasen schön beweglich gewesen ist. Der Film fährt dabei die beliebte Doppelstrategie: Man greift gerne die Lacher des Teeniepublikums über die robusten Späße ab, kann aber angesichts einer moralisch integren weiblichen Hauptfigur darauf verweisen, dass man das Verhalten der Jungs natürlich anprangern will. Klar stellt sich die Frage, was die selbstbewusste Studentin Natalie (Alicia Witt) mit diesen Vollpfosten (darunter Jared Leto) will, aber es stellen sich bei einem Film dieser Art sowieso dauernd Fragen. Und nein: Sie werden nicht beantwortet.
Wichtig ist doch ohnehin nur: Dieser Campus-Slasher der späten 1990er kommt keineswegs an sein Vorbild „Scream“ heran, macht aber verdammt viel Spaß. Und zwar dann, wenn man zur Zielgruppe gehört und sich also am Uni-Setting, den grausigen Morden, dem Rätselraten, wer’s denn nun ist, und den skurrilen Nebenfiguren (darunter Robert Englund als Professor Wexler, John Neville als Dekan Adams und Brad Dourif als Tankwart) erfreuen kann. Das Ganze ist auch gut gefilmt und schön coloriert und dann leider mit einem Hollywood-Orchester-Soundtrack der aufdringlichen Sorte zugekleistert worden. Die Idee mit den urbanen Mythen, die bereits in „Candymans Fluch“ (1992) zentral war und in „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ (1997) zumindest kurz anklang, ist eine gute Grundlage für den Film und wird auch gut genutzt. Über die Auflösung kann man geteilter Meinung sein, zumindest ist sie nicht zu offensichtlich und die Story nicht zu simpel. Irgendwas ist immer los in dieser Spätneunziger-Wundertüte, die als schlichtes Popcorn-Kino doch den Geist einer Zeit einfängt, die politisch anders korrekt war als die heutige. Eine Zeit, die im Rückblick peinlich wirkt. Und stumpf, unreflektiert und verdammt unterhaltsam.
P.S.: Genau wie bei "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" gibt es auch hier zwei schwache Fortsetzungen.
Trivia: Die weibliche Hauptrolle der Natalie wurde von einigen Schauspielerinnen abgelehnt. Darunter Reese Whiterspoon, Melissa Joan Hart und Jennifer Love Hewitt. Letztere wollte nach dem erfolgreichen „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“ nicht in die Schublade der „Scream Queen“ geraten.
Im Film werden elf urbane Legenden mehr oder minder nachgestellt und fünf weitere zumindest erwähnt. Eine Übersicht auf Englisch findet sich hier.
Eigentlich sollte der Film im Winter spielen. Das Einzige, das nicht daran erinnert, ist das Outfit des Killers. Der läuft nämlich in einem gefütterten Kapuzenmantel durch die Nacht.
Der Film wurde an der Universität von Toronto gedreht, am gleichen Campus gedreht wie der Slasher „Killer Party“ (1986). Auch in Killer Party wird eine urbane Legende erwähnt. Und eine Kostümparty in einer Studentenverbindung gibt es ebenfalls. Aber ohne Hund.
IMDB: 5.6 von 10
Letterboxd-Rating: 2.8 von 5
Neft-Rating: 3.5 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Urbane Legenden sind im deutschsprachigen Raum auch als moderne Mythen, moderne Sagen oder Großstadtlegenden bekannt. Eine Differenzierung zwischen den Begriffen Sage, Legende und Mythos wird dabei nicht vorgenommen. Dabei wäre der Begriff „Sage“ am passendsten. Unter einer Sage versteht man eine (ursprünglich) mündliche überlieferte fiktionale Erzählung, die sich durch das Nennen realer Orte und von Personennamen und Zeiträumen einen realistischen Anstrich geben will. Legenden hingegen sind spezifischer und handeln in der Regel von historisch halbwegs verbürgten Personen, deren Taten in Legenden heldenhaft verklärt werden. Dazu zählen gerade auch Heiligenlegenden. Mythen wiederum sind im engeren Sinne Erzählungen aus der Vorzeit eines Volkes, mit denen grundlegendes Wissen über das Wesen der Welt und des Menschen vermittelt werden soll. Da „urbane Legenden“ auch im nicht-städtischen Raum und im Internet verbreitet werden, halte ich die Bezeichnung „moderne Sagen“ für die beste. So sah es auch der Volkskundler Rolf Wilhelm Brednich (1935 – 2023) durch den „moderne Sagen“ im deutschen Sprachraum bekannter wurden. Er stützte sich dabei auf die englischsprachige Forschung, in der der Begriff „urban legend“ zum ersten Mal 1968 auftauchte.
Moderne Sagen erzählen meist kurze, pointierte Geschichten, die einen grausigen, gruseligen oder absurden Inhalt haben. Sie können Lachen, Kopfschütteln oder Furcht erzeugen und werden manchmal auch als Warngeschichten („cautionary tales“) verwendet. Auch können durch „moderne Sagen“ moralische Botschaften transportiert werden. Eine typische moderne Sage erzählt von einem Mann, der auf Geschäftsreise mit einer attraktiven Fremden mitgeht. Als er am nächsten Morgen in ihrem Bett aufwacht, ist nicht nur die Frau verschwunden, sondern auch eine seiner Nieren. Eine andere bekannte Sage handelt von einer naiven Oma, die ihren Pudel in der Mikrowelle trocknen wollte. Wieder eine andere handelt von Babyalligatoren, die ins Klo gespült wurden und Jahre später als „Horror-Alligatoren“ die Abwasserkanäle unsicher machen. Manchmal sind moderne Sagen nur kurze Anekdoten, wie die über das Apple-Logo. Steve Jobs soll den angebissenen Apfel als Symbol gewählt haben, weil sich der bekannte Computerexperte Alan Turing 1954 mit einem vergifteten Apfel getötet hatte. Turing war im England seiner Zeit wegen seiner Homosexualität vor die Wahl gestellt worden, eine Gefängnisstrafe zu verbüßen oder sich einer „Behandlung“ zu unterziehen, die auch die Einnahme von Östrogen vorsah. Turing entschied sich für die „Behandlung“ und litt wohl stark unter den Folgen. Dass Jobs deswegen das Apple-Symbol gewählt hat, ist sicher fiktiv, kann aber auch nicht leicht widerlegt werden. So streift diese moderne Sage die Grenze zur Verschwörungstheorie, womit wir dann bei Sagen über Chemtrails oder die „gefälschte“ Mondlandung wären.
Moderne Sagen dienen vor allem der Unterhaltung, aber in ihrer schlichten und pointierten Art schaffen sie auch sozialen Kitt und helfen Menschen dabei, sich auf spielerische Weise über Ängste und Wünsche auszutauschen. Der Erfolg der Sagen liegt vor allem darin begründet, dass sie für viele leicht nachvollziehbar sind und verbreitete Vorstellungen bestätigen. Zum Beispiel: „Ja, moderne Technik ist manchmal verwirrend und gerade Omas sind echt schusselig. Kleine Hunde sind so süß. Echt krass, was da der Freund eines Freundes über seine Oma und deren Mikrowelle erzählt hat.“ Oder so: „Männer gehen gerne fremd. Wenn sie da mal bloß nicht an die falsche geraten! Hahaha!“
Im Alltag spielen moderne Sagen eine größere Rolle, als in der Regel wahrgenommen wird. Es handelt sich nämlich nicht nur um drollige Geschichten über Spinnen in Yucca-Palmen oder fiese Gestalten, die erscheinen, wenn man fünfmal ihren Namen vor einem Spiegel sagt – vielmehr verschwimmen immer wieder die Grenzen von Fiktion und Realität, wie zum Beispiel bei den „Clown-Sichtungen“ 2016 in den USA (und später auch in anderen Ländern). Es handelte sich ursprünglich um eine urban legend, die durch ihre Verbreitung aber dazu führte, dass sich tatsächlich etliche Menschen als Gruselclowns verkleideten. Laut Medien wie der New York Times führte der „Clown-Hoax“ in den USA zu zwölf Verhaftungen und einem Todesfall.
Der bekannte deutsche Psychologe Norbert Schwarz von der University of Southern California befasst sich schon lange damit, wie sich Sagen verbreiten und oft für wahr gehalten werden. Er erklärt, dass man „urban legends“ leider nicht ausreichend damit begegnet, sie richtigzustellen. Bei dem Versuch würden nämlich die Sagen wiederholt und durch Wiederholung für viele Menschen immer glaubwürdiger. Laut Schwarz können clevere Manipulateure daraus große Vorteile ziehen. Wer jetzt an Trump und die Haustiere verspeisenden Einwanderer aus Haiti oder Alice Weidel und ihre „Sie wollen uns das Schnitzel wegnehmen“ Rede auf dem Gillamoos-Volksfest am 4.9.2023 denkt, liegt richtig. Schwarz hat aufgrund seiner Forschung aber auch Gegenmittel parat. Zusammen mit Eryn Newman und William Leach verfasste er ein sehr empfehlenswertes Essay mit dem Titel: „Making the Truth Stick & the Myths Fade: Lessons from Cognitive Psychology.“
Zum Schluss ein paar Fragen: Gibt es wirklich das Cowtipping, also das Umwerfen im Stehen schlafender Kühe? Helfen Globuli auch Tieren, weil sie eben doch über den Placebo-Effekt hinaus wirksam sind? Verursachen Impfungen Autismus? Nutzen wir nur 10 Prozent unseres Gehirns? War Napoleon im Verhältnis zu seinen Zeitgenossen klein? Fanden die Hexenprozesse im Mittelalter statt?
P.S.: Wer sich eine Reihe moderner Sagen ansehen oder eine eigene einreichen will, findet hier eine gut geeignete Plattform:
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