Klassischer Gruselfilm aus Hongkong

• Hongkong, Singapur 2002
• Regie: Oxide Pang Shun, Danny Pang Fat
• Laufzeit: 98 Minuten
Handlung: Die 20-jährige Konzert-Violinistin Wong ist seit ihrem 5. Lebensjahr blind. Jetzt gibt es endlich die Möglichkeit einer Hornhauttransplation. Die Operation gelingt und mühsam lernt Wong sich in der Welt als zunehmend besser Sehende zurecht zu finden. Allerdings sieht sich auch Dinge, die niemand sonst zu sehen scheint. Und die sind ausgesprochen beunruhigend.
Besprechung: Schon viele Jahre habe ich diesen Film auf der Watchlist, jetzt habe ich ihn endlich gesehen und bin leider ein wenig enttäuscht. Ich hätte „The Eye“ so gerne mehr gemocht, denn ich mag die Prämisse und habe ein großes Herz für Horrorfilme aus asiatischen Ländern. Und während der ersten halben Stunde war ich auch wirklich involviert. Die Hauptdarstellerin ist gut und spielt Wong als freundliche und ungekünstelte junge Frau, die erst wieder lernen muss, was es heißt zu sehen. Auch was die Kameraarbeit angeht, war ich positiv überrascht. Zwar ist sie manchmal vielleicht etwas zu spielerisch, aber auf jeden Fall entstehen interessante Perspektiven und starke Bilder.
Mit fortschreitender Laufzeit hat der Film jedoch seinen Zugriff auf mich gelockert. Ich glaube, man hätte aus dem Stoff mehr machen können, sollen, müssen. Das Thema "mühsame Wiedergewinnung des Augenlichts" wird ernstgenommen, aber die Bedrohung verliert sich in der zweiten Hälfte, nachdem sie in der ersten Hälfte schon etwas zu oft wiederholt wurde. Eigentlich ist das mehr ein Drama mit ein paar (für mich) ziemlich effektiven, und ein paar wirkungslosen jumpscares. Und einem überraschenden Finale, das weder zu einem Drama noch einem klassischen Geisterfilm passt. Die Liebesgeschichte zwischen jungem Arzt und junger Patientin ist etwas hölzern, die Musik oft gefühlig, aber es gibt deutlich kitschigere Filme aus Hongkong oder China. Alles in allem ist das ein interessanter Film mit Potenzial. Leider wurde es nicht ganz genutzt.
P.S.: Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass uns dieser Film aus Hongkong Thailand als rückständiges und runtergekommenes Land in Szene setzen will, in dem Aberglaube zu Unglück führt. Im US-Remake musste Mexico dafür herhalten.
P.P.S.: Viele finden das 2008 von David Moreau und Xavier Palud gedrehte US-Remake mit dem gleichen Titel deutlich schwächer als die hier besprochene Vorlage. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Jessica Alba spielt die Hauptrolle sympathisch, nahbar und facettenreich und die Kameraarbeit und die Musik gefallen mir besser als im Original. Auch sind manche gruseligen Szenen etwas effektiver in Szene gesetzt und gewisse Elemente der Geschichte besser miteinander verzahnt worden. Allerdings wurden in der ziemlich nah am Original liegenden Adaption manche Sequenzen und Storyelemente auch verschlechtert. Zum Beispiel finde ich das männliche love interest (Alessandro Nivola) uncharismatisch und kann keine glaubhafte Chemie zwischen dem Doktor und der Ex-Blinden fühlen. Auch die Schwester der Hauptfigur wirkt auf mich ziemlich egal und unpassend. Letztlich entspricht das Remake stärker Sehgewohnheiten, die stark von Hollywood geprägt wurden, kann die Schwächen des Originals aber nicht nennenswert beheben und seinen Charme nicht kopieren. Für beide Filme gilt: Da wäre mehr drin gewesen. Denn eine Hauptfigur, die sieht, was der Rest der Gesellschaft verdrängt und vielleicht auch verdrängen muss, also den Tod, gibt doch einiges her. Und das Thema „Sehen“ ist sowieso zentral für Horrorfilme. Glauben wir, was wir sehen, oder sehen wir vor allem, was wir (gelernt haben zu) glauben? Wie verlässlich sind unsere Sinne? Und was ist, wenn ein Individuum wahrnimmt, was sonst kaum jemand wahrnimmt? Ist Realität einfach nur eine Übereinkunft der Mehrheit und vielleicht auch des Mittelmaßes?
Trivia: Der Film basiert unter anderem auf zwei wahren Geschichten, die die Pang-Brothers aus den Nachrichten kannten. Bei der einen ging es um eine blinde junge Frau, die nach einer Hornhauttransplation Suizid beging. Bei der anderen um ein katastrophales Verkehrsunglück in Bangkok, bei dem 88 Menschen starben.
In Ländern wie China, Korea oder Japan kommt es tatsächlich hin und wieder vor, dass bereits sehr junge Menschen wegen schlechten Schulnoten oder anderweitigem Versagen angesichts gesellschaftlicher Erwartungen, Suizid begehen.
Es gibt von dem Film auch ein indisches Remake mit dem Titel „Naina“ aus dem Jahr 2005. Interessant ist daran auch, dass es bereits 1990 einen indischen Mystery-Film gab, in dem eine Augentransplantation mit anschließenden Seheigentümlichkieten eine ausschlaggebende Rolle spielt. Er trägt den Titel „Kokila“ und wurde in der in Südindien gesprochenen Sprache Telugu gedreht.
IMDB: 6.6 von 10
Letterboxd-Rating: 3.2 von 5
Neft-Rating: 3 von 5
// HOPSYS GEDANKEN
Wer Dinge sieht, die sonst niemand sieht, befindet sich entweder in einem Horrorfilm oder leidet sehr wahrscheinlich an einer Halluzination. Sinnestäuschungen können alle fünf Sinne betreffen. Man nimmt etwas sinnlich wahr, obwohl es keinen äußeren Reiz gibt. Neben optischen bzw. visuellen Halluzinationen gibt es noch:
• akustische oder auditive Halluzinationen. Das ist der häufigste Typus und wird fachsprachlich auch als Akoasmen bezeichnet. Akustische Halluzinationen können recht harmlose das Ergebnis stark eingeschränkter Hörfähigkeit sein. Das sogenannte „Stimmenhören“ (fachsprachlich teleologische Halluzinationen) ist in der Regel ein Symptom innerhalb einer Psychose.
• Geruchs- und Geschmackshalluzinationen (olfaktorische und gustatorische) treten gern zusammen auf. Man riecht und/oder schmeckt etwas, ohne dass es einen äußeren Auslöser dafür gibt.
• Taktile oder haptische Halluzinationen betreffen den Tastsinn. Betroffene haben in der Regel das Gefühl, sie würden von etwas berührt. Manchmal auch geschlagen oder festgehalten.
• Leibhalluzinationen sind von diesen „Berührungshalluzinationen“ nicht immer klar abzugrenzen. Sie umfassen aber ein größeres Spektrum. Menschen, die an Leibhalluzinationen leiden, können den Eindruck haben, dass sie vergiftet oder verstrahlt wurden, dass sie schrumpfen oder wachsen, dass ihnen ihre Gliedmaßen nicht gehorchen. Ein typischer Hintergrund für Leibhalluzinationen sind Psychosen. Die am häufigsten betroffenen Organe sind die Geschlechtsorgane.
• Körperhalluzinationen (auch zönästhetische Halluzinationen) werden manchmal noch einmal extra von den Leibhalluzinationen abgegrenzt. Hier geht es um Schmerzwahrnehmungen, die keine organische Ursache haben oder um das Gefühl, dass sich innere Organe verändern.
• Bewegungshalluzinationen umfassen fachsprachlich kinästhetische Halluzinationen, bei denen die Betroffenen das Gefühl haben, von außen bewegt zu werden. Und noch einmal speziell den Eindruck zu schweben oder zu fallen, der dann als vestibuläre Halluzination bezeichnet wird.
• Hypnagoge Halluzinationen können beim Einschlafen entstehen. Hypnopompe Halluzinationen beim Aufwachen. In beiden Fällen kann es zu Täuschungen sämtlicher Sinne kommen.
Es gibt eine ganze Reihe von Auslösern für Halluzinationen, die man in vier Gruppen unterteilen kann:
• Körperliche Auslöser: Darunter gibt es eine große Bandbreite, die von Schlaf- oder Flüssigkeitsmangel über hohes Fieber und Hormonstörungen bis zu Demenz, Schlaganfällen und Epilepsien reichen kann. Auch Hirntumore, Augenerkrankungen oder Infektionskrankheiten wie Syphilis können Halluzinationen auslösen.
• Drogen: Bekannt sind die „Trips“, die jemand unter dem Einfluss sogenannter „Halluzinogene“ erleben kann. Aber auch Alkoholkonsum und Alkoholentzug kann zu massiven Halluzinationen führen. Ebenso gibt es Wirkstoffe in manchen Medikamenten, die Halluzinationen auslösen können.
• Psychische Krankheiten: Bei den sogenannten Schizophrenien gehören Halluzinationen zu den typischen Symptomen, vor allem das „Stimmenhören“. Auch bei Psychosen, die nicht zum sogenannten schizophrenen Formenkreis gehören, ist das Auftreten von Halluzinationen sehr wahrscheinlich. Weniger bekannt ist, dass Halluzinationen auch bei schweren Depressionen, in Trauerphasen, beim Verlust eines Angehörigen und längerer sozialer Isolation keine Seltenheit sind.
• Bewusstseinsveränderung durch intensive Meditation und andere spirituelle und religiöse Praktiken (wie z.B. in Trance tanzen, Fasten, Trommeln, Kombinationen verschiedener Praktiken).
Das ist alles mehr oder minder bekannt und nachvollziehbar. Wie aber erzeugt das Gehirn Halluzinationen? Was läuft da in unserem Oberstübchen ab? Dazu muss man grundsätzlich verstehen, dass wir die Wirklichkeit nicht so wahrnehmen, wie sie sich exakt für alle Lebewesen darstellt, sondern zum einen so, wie unsere Sinne sie vermitteln, und zum anderen, wie unser Gehirn die Reize interpretiert, die unsere Sinne wahrnehmen. Ein Hund mit seinem wesentlich stärkeren Geruchssinn und anderen Hirnstruktur lebt zwar nicht in einer ganz anderen Wirklichkeit als sein Herrchen, aber in einer deutlich modifizierten. Hinzu kommt noch, dass wir sowohl gesellschaftlich als auch spezifischer im Familienkontext lernen, wie wir unsere Sinneswahrnehmungen interpretieren. Und dass unser Gehirn ständig Reize filtert, wir also die Mehrheit gar nicht bewusst zur Kenntnis nehmen, weil das zu viel Input wäre. Anders gesagt: Unsere Sinnesorgane und unser Gehirn sind nicht nur Empfänger der äußeren Wirklichkeit, sondern gestalten unsere Wahrnehmung davon mit. Sinneseindrücke werden ausgewählt, interpretiert und mit unseren Erwartungen, unseren Vorerfahrungen und unseren Glaubenssätzen abgeglichen. Bei einer Halluzination läuft der gleiche Prozess ab, nur dass es keinen äußeren Reiz gibt. Das Gehirn braucht also für seine Arbeit nicht unbedingt eine „Dateneingabe“. Was die interessante Randfrage aufwirft, ob Computer halluzinieren können. Nachvollziehbar ist, dass langer Reizentzug dazu führt, dass vom Gehirn Prozesse angestoßen werden, die auf (nicht vorhandene) Reize reagieren. Warum das bei hohem Fieber, einer Depression oder einer Demenz ähnlich ist, ist etwas schwerer zu erklären.
Ein Ansatz besteht darin, eine eingeschränkte Fähigkeit der „Erwartungsüberprüfung“ verantwortlich zu machen, wie beispielsweise Albert Powers und Kollegen von der Yale University. In einem entsprechenden Artikel auf scinexx.de heißt es dazu:
„Normalerweise ist unser Gehirn dazu in der Lage, einmal angelegte Erwartungen wieder zu verändern. Es überprüft sie ständig anhand der aktuellen Sinneserfahrungen. Passen Erwartung und Reize nicht mehr zusammen, passt es seine Erwartungen entsprechend an. Nicht so bei Menschen mit Psychosen oder gesunden Menschen, die zu Halluzinationen neigen: Hier funktioniert die Überprüfung der Erwartungen schlechter. Ihr Gehirn bewertet die intern gespeicherten Erwartungen meist stärker als die Sinnesreize von außen. „Dieses Ungleichgewicht zwischen Erwartung und Sinnesreiz kann dann die Halluzinationen erzeugen“, so Powers.“
Durch Hirnscans konnten die Wissenschaftler*innen feststellen, dass das Kleinhirn umso weniger aktiv ist, desto häufiger und stabiler Probanden Halluzinationen erlebten. Daher entwickelten sie die Hypothese vom Kleinhirn als einer Art Wachposten, der Vorannahmen und Erwartungen mit den tatsächlichen Sinneseindrücken abgleicht und nur die „echten“ passieren lässt.
Frühere Forschungen hatten vor allem den so genannten Assoziationskortex im Stirnhirn im Blick. Es handelt sich dabei um Areale der Großhirnrinde, die – vereinfacht gesagt – steuern, was ins Bewusstsein gelangt und was nicht. So oder so: Wahrscheinlich setzen sich komplexe Halluzinationen fast durchweg aus Gedächtnisinhalten zusammen. Ständig versuchen die verschiedensten Erinnerungen und Gedankenfetzen, auch unsinnige Assoziationen, zum Bewusstsein vorzudringen. Im Gehirn entstehen an den unterschiedlichsten Stellen immer wieder spontan Impulse, da Nervenzellen manchmal auch von allein aktiv werden, besonders wenn sie länger nicht angeregt wurden. Sie aktivieren dann leicht andere Nervenzellen. Die „Wächterfunktionen“ im Gehirn schützen uns davor, von solchen Impulsen und Eindrücken überschwemmt zu werden und helfen dabei, die Wirklichkeit als halbwegs strukturiert zu erleben. Etwas plakativ könnte man daher mit dem Titel eines ORF-Artikels sagen: „Wahrnehmung ist kontrollierte Halluzination“.
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