Ambitioniert, langsam, düster

• Kanada, USA 2015
• Regie: Osgood Perkins
• Laufzeit: 93 Minuten
Handlung: Mädcheninternat. Winterferien. Eine schüchterne Neue (blond) und eine ältere, schon recht ausgebuffte Schülerin (schwarzhaarig) werden aus verschiedenen Gründen nicht von ihren Eltern abgeholt und bleiben ein paar Tage mehr oder minder allein im altehrwürdigen katholischen Internatsgebäude zurück. Weil dieser Film hier besprochen wird und obendrein den deutschen Titel „Die Tochter des Teufels“ trägt, wissen wir: Das geht nicht gut!
Besprechung: Ein David-Lynch-Film wird trotz der auf Rätselhaftigkeit abzielenden Inszenierung und den plakativen Haarfarben der schüchternen und der weniger schüchternen Schülerin nicht daraus. Ein ambitioniertes Unterfangen ist „Die Tochter des Teufels“ – Originatitel „The Blackcoat’s Daughter“ oder „February“ – aber allemal. „Ambitioniert“ im guten wie im schlechten Sinne. Gut finde ich, dass sich Oz Perkins bemüht, einen eigenen Ausdruck für das Unheimliche zu finden, anstatt sich auf die typischen tropes zu verlassen. Richtig gut finde ich, dass ihm das manchmal auch gelingt. Hin und wieder gibt es in der denkwürdig tristen Farbgebung seines Films eine lange Einstellung, die in Verbindung mit dem dominanten Score und Sounddesign wirklich furchteinflößend wirkt. Auf solche Szenen kommen aber leider auch immer wieder welche, in denen der unheilsschwangere Streicher-Score einfach nur aufdringlich ist und die langen Einstellungen eher langweilig werden. Und das ist immer dann der Fall, wenn man geistig oder emotional auf nichts herum zu kauen hat. Bedrohliche Musik sollte keine Behauptung sein, sondern bedrohliches Geschehen unterstützen. Und Langsamkeit ist dann toll, wenn sich währenddessen bei mir als Zuschauer Gedanken und Gefühle entfalten können: Was hat der Mann mit dem aus der Psychiatrie geflüchteten Mädchen vor? Ist er wirklich einfach hilfsbereit?
„The Blackcoats's Daughter“ ist in seiner Herangehensweise hit or miss, oder anders gesagt: Manchmal überschreitet der Film die Grenze zum prätentiösen artsy fartsy Quatsch. Was schade ist, da er an anderen Stellen zeigt, dass er durchaus Substanz hat. Die Geschichte wird verschachtelt und rätselhaft erzählt, ist aber eigentlich weder besonders kompliziert noch für sich genommen sehr originell. Sie berührt aber eine emotionale Wahrheit über die Einsamkeit jugendlicher Mädchen, die den Film vor einer reinen Style-over-substance-Haltung bewahrt. Dennoch liegt das Unheimliche des Films eh nicht vorrangig in der Geschichte, sondern in dem, was unsere Phantasie mit den Bruchstücken macht, die uns Perkins nach und nach hinwirft. Was dabei hilft: Die Schauspielerinnen sind stark, allen voran Kiernan Shipka als Mädcheninternats-Neuzugang Kate. Auch Emma Roberts und Lucy Boynton geben keinen Anlass zum Meckern.
Wer also Lust auf einen eigenwilligen und ziemlich langsamen Film mit einer irgendwie elegant-tristen Atmosphäre hat, der sollte sich den Film mal anschauen. Ich finde, wie auch bei „Longlegs“, dass Regisseur Osgood Perkins durchaus Talent hat, aber in seiner verkopften, überambitionierten und vielleicht auch einfach humorlosen Art leider hin und wieder mit dem Arsch umreißt, was er vorher mit den Händen aufgebaut hat. Behalten wir den Burschen mal weiter im Auge!
Trivia: Das ist einer der absoluten Lieblingsfilme des US-amerikanischen Horrorfilm-Regisseurs Mike Flanagan.
Die Woche, in der die Außenaufnahmen mit Emma Roberts gedreht wurden, war die kälteste in der dokumentierten Geschichte von Kanadas Hauptstadt Ottawa. Gedreht wurde in Kemptville, einer Gemeinde wenige Meilen südlich von Ottawa.
Das Buch in Vater Brians Exorzismus-Kit ist „Von der Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen, einem deutschen Chorherren, Schriftsteller und Mystiker des frühen 15. Jahrhunderts.
IMDB: 5.9 von 10
Letterboxd-Rating: 3.2 von 5
Neft-Rating: 3.5 von 5
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