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Henry: Portrait of a Serial Killer

Nüchterner Blick auf die Banalität des Bösen

 USA 1986     

 Regie: John McNaughton                             

 Laufzeit: 83 Minuten

 

Handlung: Henry ist ein unauffälliger Typ aus armen Verhältnissen und ein vorbestrafter Mörder. Er kommt für eine Weile bei seinem schlicht gestrickten Knast-Kumpel Otis unter. Auch Otis‘ Schwester Becky zieht in die kleine Wohnung. Sie ist vor ihrem Ehemann geflohen und hat eine ähnlich schreckliche Kindheit wie Henry hinter sich. Sie fühlt sich zu dem Serienmörder hingezogen, ohne zu ahnen, dass er weitermacht und ihren Bruder Otis auf den Geschmack am Töten als Zeitvertreib bringt.

 

Besprechung: Regisseur John McNaughton drehte später Mainstream-Filme wie „Sein Name ist Mad Dog“ (1993) und „Wild Things“ (1997). Sein Spielfilm-Debüt ist aber eine finstere Independent-Produktion mit sehr geringem Budget und dem Willen, das Publikum zu verstören. Ein Werbespruch für den Film lautete: „He’s not Freddy. He’s not Jason. He’s real.“ Tatsächlich ist der Film-Henry lose an den Serienmörder Henry Lee Lucas angelehnt, der seine Mutter umgebracht und nach eigenen Angaben rund 600 weitere Menschen getötet hat. Allerdings verfügte er (abgesehen von der Tötung seiner Mutter) nur in zwei weiteren Mordfällen über sogenanntes Täterwissen. Die Kindheitsgeschichte des echten Henry Lee Lucas ist schrecklich und wird im Film kurz angerissen. John McNaughton konzentriert sich allerdings mehr darauf, eine Atmosphäre zu erzeugen, in der Stumpfheit, Banalität, Armut, Perspektivlosigkeit und grausame Verbrechen nahtlos ineinander übergehen. Nichts ist hier schön oder auch nur von Bedeutung. 

 

Michael Rooker spielt den Henry mit einer zwingenden Mischung aus chronischer Verhärtung, innerer Unruhe, Einsamkeit und Angst vor Nähe, die ihn in Kontakt mit seinen verheerenden Verletzungen bringen könnte. Ohne, dass viel gesprochen wird, nähern wir uns dem Wesen des Mörders allein dadurch, dass wir seine Mimik, Gestik und seine Interaktion mit anderen beobachten. Auch die Darsteller*innen von Otis und Becky sind gut ausgewählt und spielen überzeugend. In manchen Momenten tun mir alle drei einfach nur leid, und gerade durch die Figur der Becky ist der Film auch traurig.

 

Die ruhige aber nicht statische Kameraführung registriert das Geschehen und manche Details nüchtern. Ungerührt gleitet sie langsam genauso über einen Aschenbecher, wie über eine Frauenleiche. Die gelegentlich eingesetzte Filmmusik ist atmosphärisch und durchbricht das dokumentarische Gefühl, das der Film an anderen Stellen erzeugt. Die Idee, die Leichen zu zeigen und durch Toneinspielungen die vorausgegangenen Morde akustisch zu rekapitulieren, ist eigentlich gut, wirkt aber ebenfalls der dokumentarischen Anmutung entgegen und hat leider auch etwas Effekthascherisches, was der starke und ernsthafte Film überhaupt nicht nötig hat.

 

In der Wahl seiner Mittel ganz anders als Angst" steht trotzdem auch bei „Henry“ die Annäherung an ein schwer begreifbares Phänomen im Zentrum: der Drang, Menschen zu tören. Entsprechend hallt auch dieser Serienmörderfilm lange nach, vor allem eine Home-Invasion-Szene ab Minute 55. Hier zeigt der Film einen grauenhaft realistischen Dreifachmord, den sich die Mörder amüsiert auf Video angucken, und wir mit ihnen. Eine schwer erträgliche Szene.

 

Trivia: Der Film wurde in 28 Tagen auf 16 mm gedreht. Das Budget von Henry: Portrait of a Serial Killer betrug lächerliche 110.000 Dollar. Der Film wurde häufig gekürzt, zensiert und stand in Deutschland bis 2012 sogar auf dem Index. Dennoch spielte er immerhin rund das Sechsfache seiner Produktionskosten ein.

 

1996 drehte Chuck Parello eine Fortsetzung mit dem Titel „Henry: Portrait of a Serial Killer 2 – Mask of Sanity“, die gar nicht so übel ist, auch wenn sie an den Vorgänger in Sachen psychologischer Plausibilität und authentischer Tristesse nicht herankommt.

 

IMDB: 7 von 10

Letterboxd-Rating: 3.6 von 5                                                                                                      

Neft-Rating: 4 von 5 

 

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